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10. April 2004 Brasilien 1: Papageiengeplapper
Liebe Leserinnen und Leser,
nach 24 Stunden anstrengender Reise (drei Stunden Flug nach Mexiko-City, dann acht Stunden Aufenthalt am Flughafen, dann neun Stunden Flug nach Sao
Paulo zuzüglich An- und Abreise - sowie sonstige Wartezeiten) kamen wir ziemlich lädiert in Brasilien an. Gregor hatte sich einen Nerv eingeklemmt und schlimme Schmerzen in Brustkorb und Schulter, ich hatte mir
eine üble Grippe zugezogen, die tagelang nicht besser werden wollte.
Zum Glück habe ich Familie in Sao Paulo, sprich Heide, eine Cousine meines Vaters, mit ihrem Mann Peter und Tochter Chris (Sohn Sascha lernten wir
später kennen, Töchter Steffie und Marion leben in Spanien bzw. Deutschland), bei der wir uns wunderbar erholen konnten. Sie wohnen in einem kleinen Vorort von Sao Paulo, Interlagos, bei dem man fast vergessen
kann, dass man sich in einer 18-Millionenstadt befindet.
18 Millionen, das ist eine ganze Menge. Berlin hat 3,5 Millionen Einwohner, das könnte man also mal vier nehmen, Paris mit 10 Millionen fast mal zwei,
dann hätte man Sao Paulo – im übrigen die drittgrößte Stadt der Welt (nach Mexiko City und Tokio). Klar, dass sich die Stadt in viele kleine Viertel aufteilt, in denen man sich fühlt wie in Bockenheim oder
Bornheim in Frankfurt. Mit einem großen Unterschied: Um von Bockenheim nach Bornheim zu fahren, bräuchte man in Sao Paulo zur Berufsverkehrszeit zwei bis vier Stunden, ansonsten anderthalb (in Frankfurt zwanzig
Minuten). An den Wochenenden ist das tags besser, dafür wird es nachts um zwei eng auf den Straßen, wenn ungefähr ein Achtzehntel der Bevölkerung per Auto das Viertel wechselt, weil es aus dem Theater, Kino,
Restaurant oder Sambaschuppen kommt.
Damit wir etwas von der mächtigen Metropole sehen, hatte Heide für uns eine Stadtrundfahrt mit einem zweisprachigen Guide (portugiesisch-englisch)
organisiert. Nun war der Guide zwar tatsächlich zweisprachig, da aber nur drei Leute in dem Bus kein Portugiesisch verstehen, würde nur das Wichtigste in Englisch übersetzt, erklärte er uns zu Anfang. Das sah
dann allerdings so aus, dass er während der ersten halben Stunde, wenn wir an einem besonders wichtigen Gebäude hielten, sagte: „And this is the so and so building“. Nun heißt zum Beispiel „national
theater“ auf portugiesisch „teatro national“, wir hatten diese Information also auch ohne große Sprachkenntnisse längst mitbekommen. Konsequenterweise schlief dieser Service dann auch bald ein.
Heide bemühte sich, uns in den Sprechpausen des Guides das eben Gehörte zu übersetzen. Allerdings gab es kaum Sprechpausen, so dass wir im Laufe der
fünfstündigen Tour eine recht eigenwillige Auswahl an Informationen bekamen, wie die denkwürdige Tatsache, dass in Sao Paulo 4.500 Pizzas pro Minute vertilgt werden, oder dass in Sao Paulo die größte
Pferdestatue der Welt steht, bei der es sich der Bildhauer nicht hat nehmen lassen, eigenhändig die Geschlechtsteile des Hengstes auszuformen – eine Seltenheit, da Pferdestatuen in der Regel geschlechtslos sind
– und kurz vor der Fertigstellung der Statue ein großes Festessen in dem Pferdebauch organisierte.
Das muss also an Informationen über Sao Paulo fürs Erste reichen, kommen wir nun zu einem anderen Thema: den Menschen. Den typischen Brasilianer gibt
es nicht. Ein Brasilianer, das kann alles sein. Ein Nachkomme der Eingeborenen, also Indianer, ein Nachkomme der weißen Einwanderer aus Portugal, Italien, Deutschland usw., ein Nachkomme der aus Afrika importierten
Sklaven oder, was immer häufiger der Fall ist und woraus sich eines Tages DER Brasilianer bilden wird, eine Mischung aus zwei oder allen drei Gruppen.
Wir waren erstaunt, wie viele deutschstämmige Brasilianer es gibt, die teilweise noch bis in die sechste Generation deutsch sprechen. Etwa drei
Millionen leben in Brasilien und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass meine Tante, die in Brasilien aufgewachsen ist, ihren Mann Peter in Sao Paulo kennen gelernt hat, der ebenfalls in Brasilien aufgewachsen
ist, aber ebenfalls Kind deutscher Eltern ist. Solche Ehen sind geläufig und heraus kommt eine sympathische Mischung aus brasilianischer Lebensfreude und deutscher Ernsthaftigkeit, wobei die mittägliche Fejoada
(Reis mit Bohnen) ebenso selbstverständlich ist, wie die abendliche Brotzeit.
Wir fragten Sascha, meinen Cousin zweiten Grades (oder so), was ihm an Brasilien gefällt und wie er es im Vergleich zu Deutschland sieht.
„Deutschland ist schon klasse“, sagte er uns, „aber da ist alles schon fertig, da gibt es nichts mehr zu tun, das würde mich auf Dauer krank machen“. Alles schon fertig – wenn wir Deutschland mit den
Ländern vergleichen, die wir bereist haben, dann ist da was dran (höchstens die Schweiz ist vielleicht noch „fertiger“). Natürlich ging es im Verlauf des Gesprächs auch um das Thema „Feiern“, wofür die
Brasilianer – im Gegensatz zu den Deutschen – bekannt sind und Gregor bemerkte, dass die Brasilianer vermutlich einfach besser feiern können. Das allerdings sieht Sascha anders: „Hier ist das ein bisschen zu
locker, da feiern immer gleich ein paar Leute mit, die nicht eingeladen sind. Nein, da bin ich deutsch. Wenn einfach alle Nachbarn reinschneien, da könnte ja jeder kommen, das passt mir nicht.“ Wir mussten lachen
und können das gut verstehen, auch wenn einige deutsche Parties etwas brasilianisches Temperament gut vertragen könnten.
Nachdem ich meine Grippe halbwegs auskuriert hatte, machten wir uns auf den Weg zu einer dreiwöchigen Rundreise durch den südlichen Teil Brasiliens.
Ich fragte mich, ob sich die Freundlichkeit der Brasilianer, von der wir schon im Vorfeld viel gehört hatten und die wir bei meinen Verwandten erfahren durften, auch gegenüber Individualreisenden bemerkbar macht.
Kaum saßen wir im Nachtbus nach Campo Grande, unserem ersten Ziel, quatschte uns ein 23-jähriges Mädchen an, wo wir herkommen, was wir machen usw. In den nächsten zwei Stunden plauderte Laura, über die
Rücklehne ihres Sitzes gelehnt, mit uns über Brasilien, erzählte uns aus ihrer Heimatstadt Campo Grande und dass sie jetzt mit ihrem französischen Freund in Sao Paulo lebt, wo sie sich einmal verfahren hat und
erst nach drei Stunden des Herumirrens wieder zu ihrer Universität fand, in der sie Tourismus studiert. Wir waren entzückt über die Offenheit und die entgegengebrachte Neugierde. Nur selten haben wir erlebt, dass
sich die Einwohner eines Gastlandes über ihre Geschäftsinteressen hinaus für uns interessierten – einfach so.
In Campo Grande angekommen, buchten wir eine viertägige Tour ins Pantanal, das mit 140.000 bis 240.000 Quadratmetern Fläche (die Angaben variieren
gewaltig, jedenfalls irgend etwas zwischen der Größe Griechenlands und Italiens) das größte Feuchtgebiet der Welt ist. Da es sich, aufgrund der regelmäßigen Überschwemmungen während der Regenzeit, nie für
Besiedelung eignete, konnte sich dort eine einzigartige Tierwelt erhalten, die sich dank der niedrigen Vegetation gut beobachten lässt. Angeblich hat das Pantanal mehr Krokodile, als die Schweiz Einwohner, wobei
die Krokodile eigentlich Alligatoren und Kaimane sind, dazu gibt es Ameisenbären, Anakondas, Brüllaffen, Füchse, Gürteltiere, Gazellen, Jaguare (die man trotz niedriger Vegetation so gut wie nie zu Gesicht
bekommt), Papageien, Störche, Taranteln, Wasserschweine und vieles mehr.
Die Fahrt in das Gebiet erfolgte per Bus und dann auf einem Lastwagen, wobei wir einer Gruppe von sieben jungen Israelis zugeteilt wurden, die drei
Stunden lang ausschließlich hebräisch redeten. Ungefähr alle Stunde stellten sie bedauernd fest, dass wir ja nichts verstünden, um dann sofort wieder auf hebräisch weiterzureden, so dass wir uns allmählich
ziemlich doof vorkamen. Entschädigt wurden wir aber abends durch einen klaren Nachthimmel, der mit Tausenden von Sternen übersät war. Dort wo der Himmel aufhörte, schwirrten Hunderte von Glühwürmchen durch die
Luft, so dass wir kaum unterscheiden konnten, was Stern und was Glühwurm war und Himmel und Erde zu verschmelzen schienen. Es war einmal wieder einer dieser Augenblicke ...
Wir zelteten in einem naturbelassenen Camp, das uns sofort gefiel. Palmen und hohe Bäume sorgten für Schatten, Vögel und Affen für die richtige
Geräuschkulisse und eine kleine Bar, ganz aus Holz und Bambus gewerkelt, sorgte für Gesellschaft und sogar für kalte Getränke. Eigentliche Attraktion aber war der Papagei Chiquitita. Der Vogel war eines Tages regelrecht vom Himmel gefallen. Er hatte in den
Bäumen gehaust, unter denen das Camp errichtet ist, bis der Ast brach, auf dem er gerne saß. Einmal am Boden angekommen, gefiel es dem Blauara dort recht gut (zumal er vom Camp-Koch gleich ein paar Leckereien
zugesteckt bekam) und er beschloss, zu bleiben. Mittlerweile gehört er zum Inventar des Camps, wo er mit Vorliebe Feuerzeuge und Kameras von den Tischen klaut, um sie genüsslich in ihre jeweiligen Bestandteile zu
zerlegen, oder als Fotomodel arbeitet und dafür an den Mahlzeiten teilnehmen darf, wobei er sich seinen Teil direkt von den Tellern der Gäste nimmt, wenn diese ihm nicht geistesgegenwärtig ein paar Happen auf den
Tisch gelegt haben (er muss einen Pferdemagen haben, um die entsprechenden Nahrungsmittelmengen und -zusammenstellungen zu vertragen).
Das Beste aber kommt nach dem Mittagessen. Dann spaziert die Papageiendame auf den nach oben hin offenen Toilettenwänden herum und unterhält sich mit
den einkehrenden Gästen. Viele Wörter spricht sie nicht, aber das stört sie wenig. Schließlich hat sie gelernt, dass die Leute ohnehin schon nach dem ersten ihrer Worte lachen müssen. Also ruft sie dem
Ankömmling ein lautes Arara (das portugiesische Wort für Ara) entgegen und bricht umgehend in gackerndes Gelächter aus. Ich habe noch nie einen Papagei lachen gehört, und auch wenn ich zehnmal weiß, das
Chiquitita nicht wirklich lacht, sondern nur das Geräusch eines lachenden Menschen nachahmt, ist das einfach urkomisch, zumal sie dabei todernst dreinschaut. Ich musste natürlich sofort mitlachen, was Chiquitita
zur Höchstform auflaufen ließ. Zuerst imitierte sie haargenau meine Lache, um dann weiteres Gelächter zum Besten zu geben, wobei sie immer lauter und lustiger wurde. Ich bekam fast Schluckauf vor lauter Lachen.
Dieser Vogel ist unglaublich.
An Aktivitäten für die nächsten Tage waren Wanderungen, Piranha-Fischen und ein Ausritt geplant. Ungeschickterweise wurden die Gruppen nach
Lastwagen eingeteilt, so dass wir uns weiterhin ziemlich isoliert fühlten. Bei unserer ersten Morgenwanderung stellten wir allerdings fest, dass das Problem nicht darin bestand, dass die Leute aus unserer Gruppe permanent hebräisch redeten, sondern dass die Leute aus unserer Gruppe permanent redeten. Unser Guide Levi konnte geduldig wiederholen, dass wir nur Tiere sehen würden, wenn wir leise wären, sooft er wollte, es half nichts. Die drei Jungs und vier Mädels waren offenbar zu sehr damit beschäftigt, sich dem anderen Geschlecht zu präsentieren (die Jungs cool bis angeberisch, die Mädels giggelnd bis forsch), als dass sie sich auf ihre Umwelt hätten konzentrieren können. Als verheiratetes Paar im Alter zwischen 30 und 40 Jahren waren wir da natürlich voll unangesagt und selbst die schöne Landschaft, die wunderbare Morgenstimmung oder die Aussicht, einige Tiere beobachten zu können, schienen nicht die geringste Wirkung auf den Trupp zu haben.
Irgendwie schafften wir es dennoch, ein paar Tiere zu sehen und Levi fing einen Kaiman, so dass wir ihn aus der Nähe betrachten konnten. Am Schluss legte er das gestresste Tier auf den Rücken und streichelte es am Bauch, schwupps war es
eingeschlafen und blieb selig auf dem Rücken liegen. Levi erklärte uns, dass die Kaimane so gerne am Bauch gestreichelt werden, dass sie sofort entspannen und einschlafen. Vom größtmöglichen Schrecken
übergangslos zur totalen Entspannung – die entsprechende Körperstelle müsste für den Menschen gefunden werden. Damit der Kaiman nicht von Raubvögeln geholt würde, weckte Levi das Tier durch mehrfaches lautes
Klatschen auf, bis es sich verwirrt räkelte, umdrehte und schließlich gemütlich davon watschelte.
Am nächsten Morgen ging es zum Piranha-Fischen. Wir sollten barfuß in einen kleinen See mit Piranhas und Alligatoren laufen und dort unsere Angeln
auswerfen – klingt ja prickelnd. Ist aber wohl tatsächlich ungefährlich, dennoch wollte ich nicht mitmachen, da mir meine Erkältung nach wie vor zu schaffen machte (ja, es waren bereits zwei Wochen, ich wurde
einfach nicht richtig gesund). Aber siehe da, es gab sogar ein kleines Boot, das ich nehmen konnte, um keine kalten Füße zu bekommen. Gregor leistete mir Gesellschaft und bald schaukelten wir gemütlich auf dem
See, die Angeln baumelten im Wasser und das entfernte Gekreische der im Wasser stehenden Twens erinnerte uns daran, das wir für heute ziemliches Glück gehabt hatten: endlich Ruhe. Im übrigen fing ich bereits nach
wenigen Minuten den ersten Piranha unserer Gruppe – ätsch.
Am Nachmittag war der Ausritt an der Reihe, auf den ich mich schon die ganze Zeit gefreut hatte (Gregor konnte aufgrund seiner Pferdeallergie leider
nicht mitreiten). Zufällig ritten unsere und eine andere Gruppe die selbe Strecke, so dass ich mich unter die netteren Leute mischte und mich der friedlichen Stimmung erfreute. Sie hielt nicht lange an, denn unsere
Jungs und Mädels hatten herausgefunden, dass man mit einem Stock die Pferde zum Galopp bringen kann und so stürmten sie, vom Reiten nicht die geringste Ahnung, unter lautem „Vamos“-Geschrei hin und her, wobei
sie gnadenlos in die friedliche Gruppe hineinpreschten, da sie nicht wussten, wie man ein Pferd lenkt oder stoppt, bis einige Leute der anderen Gruppe so genervt waren, dass unser Guide uns in eine andere Richtung
abführte. Es ist unglaublich, aber die Bande schaffte es, geschlagene drei Stunden lang alle zwei Minuten „Vamos“ zu schreien, so dass man es weithin hören konnte und Gregor, der im Camp geblieben war, lange
nachdem wir weg waren und lange bevor wir wiederkamen, wusste, wo wir uns befanden.
Immerhin kam mir der Überschwang an Energie der Truppe in diesem Fall insofern entgegen, als ich gerne ein bisschen traben und galoppieren wollte (was
normalerweise mit ungeübten Reitern nicht möglich ist), wozu ich diesmal genügend Möglichkeiten hatte. Alle gelernten Sicherheitsregeln musste ich beim Blick auf Zaumzeug und Sattel allerdings schnellstens
vergessen und ich war nicht verwundert, als bei einem Mädchen der Sattel plötzlich mitten im Trab herunterrutschte, mitsamt Last. Zum Glück fiel sie sanft ins Gras und verletzte sich nicht. Später hörte ich von
anderen Tourteilnehmern, dass dies öfters passiere. Wie lange das wohl noch gut geht?
Spätestens seit dem lautstarken Ausritt war unsere Gruppe campbekannt und Gregor und ich ernteten mitleidige Blicke, wenn wir erwähnten, dass wir
dazugehörten. Eine Israelin, die sich unserer Gruppe für eine der Wanderungen angeschlossen hatte, war total entsetzt. „Diese Leute sind unglaublich“, sagte sie uns, „die haben ja wirklich permanent
gequasselt. Ich habe nach zehn Minuten überlegt, ob ich wieder umdrehen soll, weil ich echt keine Lust hatte, mir das dumme Geschwätz anzuhören.“ Von dieser Seite hatten wir das noch nicht gesehen und waren
plötzlich froh, dass wir kein hebräisch verstehen – so waren wir wenigstens nicht gezwungen, dem Inhalt der Gespräche zu folgen.
Aber irgendwann war sogar die Energie unserer Rowdies verpufft und am dritten Tag, an dem eine weitere Wanderung stattfinden sollte, ließ sich morgens
keiner der sieben Helden blicken. Gregor und ich saßen nach dem Frühstück etwas ratlos herum, bis eine nette Engländerin uns einlud, uns ihrer Gruppe anzuschließen, die gerade zur Wanderung aufbrach. Was für
ein Unterschied! Wir genossen den Frieden des schönen Morgens von ganzem Herzen. Einen kurzen Adrenalinschock gab es aber doch und er hat, wie könnte es anders sein, mal wieder mit Gregor und einer Schlange zu tun.
Unser Guide hatte im Gras eine winzige Korallenotter entdeckt. Die kaum regenwurmgroße, orange-gelb-schwarz geringelte Schlange sei für den Menschen,
obwohl giftig, nicht sehr gefährlich, da sie seine Haut bei einem Biss kaum ritzen könne und nicht genug Gift in die Blutbahn gelange. Pferde allerdings könne sie umbringen, wenn diese sie beim Grasen
versehentlich einatmen, erklärte uns der Guide (ziemlich gemeiner Tod, oder?). Während wir die Schlange beobachteten, war sie plötzlich verschwunden, bis jemand sagte: „Vorsicht, sie ist an Deinem Zeh“.
Gregor schaute sich die Füße der anderen Teilnehmer, alle wie wir in Sandalen, genauer an, bis er mich neben sich sagen hörte: „Gregor, sie ist an DEINEM Zeh“. Wegrennen, war sein erster Impuls, aber diesmal
fruchtete unsere ausgiebige Auseinandersetzung mit dem Thema Schlangen doch etwas und er blieb ruhig stehen, ließ das hübsche Tier an seinen Zehen schnuppern, woraufhin es sich, da war er sicher, ohnehin verziehen
würde, was es dann auch tat :-) (Anmerkung Gregor: ha, ha, ha).
Fairerweise möchte ich hinzufügen, dass sich immerhin zwei Leute unserer Gruppe ab und zu bemühten, mit uns englisch zu reden. Einer davon war Leon,
ein aufgeweckter Typ, der, wie Gregor eines Tages überrascht feststellte, ein Amulett des Heiligen Christophorus um den Hals trug, des sehr christlichen Schutzheiligen der Reisenden und Seeleute. Gregor fragte
Leon, wie er dazu käme und er erzählte uns, dass seine Großmutter früher viel gereist sei und einmal einem anderen Reisenden aus der Patsche geholfen hatte, dem all sein Geld gestohlen worden war. Aus Dank hatte
er ihr zum Abschied das Amulett geschenkt, damit es sie beschütze, mit dem Hinweis, dass sie nicht daran glauben müsse, es funktioniere auch so. Seitdem wandert es von einem Familienmitglied zum nächsten, je
nachdem, wer gerade auf Reisen ist. Nun zeigte Gregor seinen Talisman: Eine Miniaturausgabe des (sehr jüdischen) Sefer Tehilim (die Psalmen des König David). Er hatte das Büchlein von seinem Freund Eddie vor der
Reise bekommen, mit dem Hinweis, er solle es immer bei sich tragen, damit es ihn unterwegs beschütze. Diesmal war es Leon, der überrascht war.
Insgesamt hat uns die Safari ins Pantanal trotz kleiner Mängel sehr gut gefallen. Es war, das wussten wir, unser letzter Ausflug in ein Naturparadies
auf dieser Reise und diesem Umstand durchaus würdig. Am Schluss waren wir sogar mit unserer Gruppe versöhnt und es wurde ein freundlicher Abschied.
Per Bus (16 Stunden) ging es nun weiter zu den Iguaçu-Wasserfällen, neben Rio de Janeiro und dem Amazonasgebiet die Touristenattraktion Brasiliens schlechthin. Die Fälle erstrecken sich über drei Kilometer und sind
damit die größten der Welt. Idyllisch mitten im Dschungel gelegen, sollen sie, das hatten wir immer wieder gehört, sowohl die Niagarafälle als auch die Victoriafälle weit in den Schatten stellen. Wir waren
gespannt. Für Gregor und mich sind Wasserfälle grundsätzlich nicht das, was unsere Herzen höher schlagen lässt, insofern war es nun gerade interessant, diesen Fall der Fälle zu sehen. Würden wir dem Charme
des Naturwunders erliegen?
Um die Fälle in Gänze sehen zu können, benötigt man zwei Tage. Einen für die brasilianische Seite, auf der man einen guten Überblick über das
gesamte Gebiet bekommt, und einen für die argentinische Seite, wo man näher an die Wassermassen herankommt. Wir fingen, wie empfohlen, mit der brasilianischen Seite an, die nicht so spektakulär sein soll und die
man an einem halben Tag abgehakt hat. Und wir waren nicht sehr beeindruckt. Klar, es war alles hübsch anzusehen, viel Wasser eben und viel Dschungel, aber so richtig begeistern konnte uns das nicht.
Am nächsten Tag standen wir früh auf, da die argentinische Seite einen ganzen Tag in Anspruch nimmt (der Grenzübergang mit Aufenthalt in Argentinien
für lediglich einen Tag ist hier Routine und funktioniert reibungslos, ganz ohne Stempel). Das war schon etwas anderes. Den gesamten Tag stapften wir auf kleinen Holzpfaden durch den Dschungel zu den verschiedenen
Aussichtspunkten und ganz allmählich eroberte uns das Plätschern, Rauschen und Tosen. Als wir nachmittags über eine einen Kilometer lange Brücke das Herz der Fälle erreicht hatten und genau über dem
mächtigsten Toben standen, waren auch wir überzeugt, dass diese Fälle etwas ganz Besonderes sind. Allerdings wurde mir hier klar: Nach Iguaçu kann nichts mehr kommen und ich glaube, ich habe für mein Leben
genug Wasserfälle gesehen.
Auf der Fahrt nach Iguaçu hatten wir die beiden Holländer Richard und Simone kennen gelernt, mit denen wir die Fälle gemeinsam besuchten. Wir
tauschten uns auch über unsere Erfahrungen im Pantanal aus und sie erzählten uns, dass sie einer Gruppe von vier Deutschen zugeteilt worden waren, die sie mit den Worten begrüßten: „Könnt ihr bitte so tun,
als wärt ihr nicht da?“ Hmmm, eigentlich waren unsere Israelis doch ganz nett!
Am Abend entdeckten wir eine in Brasilien übliche Art des Restaurants: die Churrascaria. Ich hatte ein Prospekt in die Hände bekommen, auf dem ein
Restaurant mit Fotos für leckerstes gegrilltes Fleisch warb. Dort wollte ich hin und Richard und Simone schlossen sich uns an. Als wir das Restaurant betraten, abends um sechs und ziemlich ausgehungert, war kein
Gast weit und breit in Sicht. Das mache nichts, sagte uns der Kellner, wir könnten ruhig Platz nehmen, das Buffet würde gleich eröffnet. Aha, Buffet also, na macht ja nichts. Unaufgefordert wurden wir mit
Knoblauchbrot, gegrillten Würstchen und gebratenen Hühnerherzen bedient, die wir hungrig verschlangen, uns allmählich fragend, was das hier gibt und vor allem, was uns das wohl am Ende kosten wird.
Inzwischen bedeutete uns der Kellner, dass das Buffet bereit sei und wir machten uns über die köstlichen Salate her. Kaum saßen wir wieder, kam der
Kellner mit einem überdimensionierten Spieß herbei, von dem er uns frisch gegrillte Steaks herunterschnitt. Teller mit Reis und knusprigen Pommes folgten, und wir waren nun überzeugt, hier satt zu werden. Es
dauerte nicht lange, und der Kellner erschien wieder, diesmal mit einem Spieß voller Filets, von denen jeder zu kosten bekam. Das Spiel wiederholte sich mit Hühnerschenkeln und sämtlichen Steaksorten, die wir uns
nur vorstellen konnten. Richard und ich, die mit dem Gesicht zum Raum hin saßen, schielten bald nur noch misstrauisch Richtung Küche. Wann immer der Kellner erneut in unsere Richtung gelaufen kam, stöhnten wir
auf: „Oh nein, er kommt schon wieder!“
Ich glaube, so viel Fleisch auf einmal habe ich in meinem Leben noch nicht gegessen. Aber irgendwann ging einfach nichts mehr und nachdem der Kellner
mehrmals mit seinen Spießen unverrichteter Dinge wieder abziehen musste, weil wir nur noch entsetzt abwinkten, waren wir erlöst, er kam nur noch, um zu fragen, ob wir einen Kaffee wollten. Blieb die Frage nach dem
Preis, aber wir waren ob des leckeren Essens und der vollen Mägen nicht mehr ganz so misstrauisch – das durfte schon was kosten. Mit 15 Euro (inkl. Getränke) pro Person lagen wir zwar nicht im Weltreisebudget,
aber wir beschlossen, dass man Feste feiern muss, wie sie fallen, und bereuten nichts. Abgefüllt und zufrieden verließen wir das Restaurant, kaum anderthalb Stunden später, nachdem wir es betreten hatten.
Das mit dem Essen in Brasilien ist generell so eine Sache. Ungewöhnlich, gelinde gesagt. Als erstes fallen die Schreibweisen ins Auge, die sich
mitunter recht individuell ausnehmen. Bei „Lancheria“ (übliche Bezeichnung für eine Raststätte) und „Pizzaria“ zuckten wir zusammen, bei „Burguer“ waren wir amüsiert und bei „Ranschinitzel“
schließlich mussten wir herzlich lachen. Ebenso eigenwillig ist der Geschmack der Brasilianer. Hühnerherzen zum Beispiel sind eine ihrer Leidenschaften. Nun habe ich das Glück, ebenfalls ein Fan von Hühnerherzen
zu sein und so konnte ich sogar einmal einen Hühner-Herzen-Hamburger probieren – köstlich. Allerdings frage ich mich ernsthaft, wo die vielen Herzen herkommen, die hier täglich verspeist werden, oder, wenn es
so hier so viele gibt, was in den anderen Ländern, in denen Hühner gegessen werden, damit passiert?
Egal, wir befinden uns hier jedenfalls in einem Land, in dem die Pizzas so riesig sind, dass eine ganze Familie davon satt werden kann, während die
Kaffeetassen so klein sind, dass nach dem bisschen Kaffee selbst ein kleines Kind noch gut schlafen könnte. Was lästig ist, da wir immer siebenmal zum Buffet rennen müssen, um unsere gewohnten Mengen Koffein zu
uns nehmen zu können. Überhaupt sind Buffets hier sehr angesagt, was in Ordnung ist, da man oft pro Kilo zahlt, also nur für das löhnt, was man wirklich isst. Die Brasilianer lieben das so sehr, dass es sogar
eine Eisdiele gibt, in der man sich selbst bedienen kann und dann pro Kilo bezahlt – Gregor war begeistert. Die Vielfalt an den Buffets wird an anderen Orten ausgeglichen, in denen es nur ein Gericht gibt. In
Canela, in den Bergen, wovon im nächsten Newsletter die Rede sein wird, fanden wir ein Café, in dem es ausschließlich Apfelstrudel mit Apfeltee gab. Noch nicht einmal einen Kaffee konnten wir dort bekommen –
auch keinen kleinen. Aber wo die Brasilianer uns echt was voraus haben: bei der Caipirinha. Das brasilianische Nationalgetränk gibt es immer und überall und, jetzt kommt's, eine Caipi kostet hier so viel wie eine
Cola (70 Cent). Das Volk weiß zu leben!
Zurück nach Iguaçu. Wir verabschiedeten uns fürs Erste von Richard und Simone, die wir in ein paar Tagen noch einmal am Strand auf der Ilha Catarina
besuchen wollten. Unser nächstes Ziel war Curitiba (10 Stunden Busfahrt). Dort kann man eine angeblich sehr schöne Zugfahrt von der in den Bergen gelegenen Stadt bis an die Küste machen. Wir besorgten uns die
Zugtickets und standen am nächsten Morgen sehr früh auf, da der Zug bereits um acht Uhr abfahren sollte. Ich hatte sehr schlecht geschlafen, meine Erkältung machte mir nach wie vor zu schaffen und sogar auf das
Frühstück musste ich verzichten, weil keine Zeit mehr blieb. Am Bahnhof angekommen, waren wir die einzigen Reisenden weit und breit. Ein Beamter erklärte uns (auf Portugiesisch), dass heute kein Zug fahre, erst
wieder am Samstag (es war Mittwoch). Wie bitte? Wir konnten es kaum glauben, sahen aber, wie auch andere mittlerweile eingetroffene Reisende wieder weggeschickt wurden.
Wir hielten das ganze für einen Fehler des Reisebüros und entsprechend genervt traf Gregor bei Geschäftsöffnung dort ein, um sich das Geld
erstatten zu lassen (ich hatte mich wieder ins Bett gelegt, um mich auszukurieren). Dort erfuhr er allerdings, diesmal auf Englisch, dass am Vortag ein Zug auf der Strecke entgleist und in die Schlucht gestürzt war
– zum Glück ohne Passagiere. Die Reisebüromitarbeiterin erwartete am selben Tag noch 22 weitere genervte, um die Zugfahrt gebrachte Gäste. Da hatten wir wirklich Pech gehabt, denn bis Samstag wollten wir nicht
warten, oder Glück, wie man's nimmt, dass der Zug am Vortag abgestürzt war. Also fuhren wir gleich ans Meer, aber davon das nächste Mal mehr.
Feliz Pescoa, frohe Ostern wünschen euch
Irene und Gregor
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