Home
Unsere Reise
Bilder
Newsletter
Über uns
Impressum/Kontakt
Gästebuch
Reiselinks
Begegnungen

29. Juni 2002  Begegnungen

„Der weiße Mensch ist unter diesen Palmen, diesen Lianen, in diesem Busch und Dschungel ein seltsamer, auffallender Eindringling. Bleich, schwach, das Hemd verschwitzt, die Hose verklebt, ständig von Durst geplagt, vom Gefühl der Kraftlosigkeit, der Trübsal. Dauernd hat er Angst, fürchtet Moskitos, Amöben, Skorpione, Schlangen – alles was sich bewegt, erfüllt ihn mit Furcht, Schrecken, Panik.“
Ryszard Kapuscinski: Afrikanisches Fieber. Erfahrungen aus vierzig Jahren

Hallo zusammen,

eine bessere Einleitung für einen Bericht über Reisen in Afrika kann man kaum finden. Das Buch von Kapuscinski lohnt sich für alle, die etwas mehr über die Hintergründe afrikanischer Kultur, Mentalität und Politik erfahren möchten. Weitere empfehlenswerte Bücher sind:
Nigel BARLEY: Traumatische Tropen.
Mit britischem Humor beschreibt der Ethnologe Barley seine Erfahrungen aus zwei Jahren Feldforschung in Kamerun, wo die Kluft zwischen der ethnologischen Fachliteratur und der afrikanischen Wirklichkeit mehr als deutlich zu Tage tritt.
Henning MANKELL: Der Chronist der Winde.
Roman über das Leben der Straßenkinder in Mosambik, wobei die Erzählweise Details der grausamen Alltagswirklichkeit mit der Geschichte eines zehnjährigen Jungen verbindet, den eine magische Aura umgibt.

Aufgrund einiger Erlebnisse ist dieser Newsletter ungewöhnlich lang, daher fassen wir die reine Routenbeschreibung am Anfang zusammen, bevor wir zum eigentlichen Reisebericht, den „Begegnungen“ kommen.

Hier also ein Kurzabriss unserer Reiseroute seit dem letzten Newsletter: In Dakar fuhren Irene und ich am Tag unserer Abreise noch zum westlichsten Punkt Afrikas und schlugen danach den Weg nach Süden ein. Dort verbrachten wir ein paar Tage in Djiffer an der Atlantikküste und ein paar Stunden im Atlantik, dann ging es über Kaolac nach Farafenni (Gambia). Wir verlebten eine wunderschöne Zeit in Gambia, insbesondere in Jangjang-bureh (ehemals Georgetown), wo wir sehr nette Menschen trafen, reisten anschließend wieder in den Senegal, waren noch zwei Tage in Tambacounda (dort sahen wir das senegalesische Team gegen die Türkei verlieren), bevor wir uns über Bakel und Kidira aufmachten nach Mali. Nach drei Tagen auf teilweise sehr anstrengender Piste (das Halbfinale Deutschland – Korea sahen wir in Kayes, Nordmali) kamen wir kurz vor Bamako, wo wir derzeit sind, endlich wieder auf Asphalt, wobei das Klappern mancher, auf den Wellblechpisten gelöster Teile leider noch nicht aufgehört hat.

Begegnungen I: Menschen

1. Dudu
Morgens waren Irene und ich aufgebrochen, uns den Ort Djiffer anzusehen, in dessen Nähe wir auf dem zwei Kilometer entfernten, schön gelegenen „Campement de la Mangrove“ übernachteten. Djiffer liegt auf einer kleinen, wenige hundert Meter breiten Landzunge, die den Fluss Saloum vom Atlantik trennt. Viele Häuser am südlichen Ende der Landzunge mussten mittlerweile aufgegeben werden, da das Meer das Land langsam abträgt. Eine Insel, die wir von Djiffer aus in wenigen hundert Metern Entfernung sehen konnten, war noch vor wenigen Jahren mit der Landzunge verbunden, ist inzwischen aber nur noch per Boot erreichbar.

Kaum hatten wir den Campingplatz einige Meter hinter uns gelassen, holte uns bereits ein sportlich gekleideter Senegalese ein, der sich uns nach der üblichen Begrüßungsformel als Dudu vorstellte. Dudu war in Djiffer geboren und anders als die Mehrzahl der Bewohner kein Fischer, sondern half mit, im Geschäft seines Onkels Souvenirs zu verkaufen. Als Dudu seine Schrittgeschwindigkeit der unseren anpasste und begann, uns vieles über die Umgebung zu erzählen, war uns klar, dass wir uns wieder einmal ungewollt einen Guide „angelacht“ hatten. Diese Guides begleiten einen üblicherweise eine Weile und fordern irgendwann die entsprechende Bezahlung. Als wohlerzogener Europäer bringen es dann nur wenige fertig, die Bezahlung abzulehnen und sich den darauf folgenden Beschimpfungszeremonien auszuliefern. Höchstens wird der verlangte Preis noch runtergehandelt und schließlich bezahlt.

Wir überlegten also, wie wir Dudu wieder loswerden könnten, sahen aber ein, dass das zwecklos war. Auch intensiveres Nachdenken, wie man sich des ungewollten Führers entledigen könnte, führte zu nichts. Also fügten wir uns dem Unvermeidlichen. Nach Augenblicken des Haderns kehrte allmählich die Aufmerksamkeit zurück und es stellte sich heraus, dass die Geschichten, die Dudu über Djiffer zu erzählen wusste, gar nicht so uninteressant waren, wie ursprünglich angenommen. Er führte uns zu Ständen, auf denen Fische auf eine spezielle Art und Weise getrocknet wurden, um sie dann in Länder wie Guinea und Mali exportieren zu können. Dudu zeigte uns außerdem die Zubereitung spezieller Schneckenarten und brachte uns zu Orten im Hafen, zu denen wir alleine nicht gefunden hätten. Den Hafen von Djiffer darf man sich übrigens nicht als befestigtes Hafengelände vorstellen. Es handelt sich vielmehr um einen langen Sandstrand, auf den die voll beladene Boote gezogen werden. Viele der frisch gefangenen Fische werden direkt am Strand verkauft und landen sofort in den Kühllastern, die seit dem frühen Morgen am Strand warten und sich nach erfolgreichem Einkauf sofort auf den Weg ins knapp 200 Kilometer entfernte Dakar machen.

Dudu zeigte uns auch, wo wir ein paar Fotos machen konnten, ohne dass dies jemand störte. Er half uns anschließend noch, Kassetten von den senegalesischen Bands Yousso N'Dour sowie Ismael Lô zu einem vernünftigen Preis zu kaufen und ein stärkeres Anti-Moskitomittel zu finden, das helfen soll, auch extrem aggressive Küstenmoskitos abzuwehren. Zurück im Camp angelangt, begleiteten wir Dudu zu seiner Verkaufshütte. Es war völlig klar, dass wir jetzt, wo wir gemeinsam durch den Ort gezogen und dadurch Freunde geworden waren, auch Geschäfte abwickeln würden, anstelle einer Bezahlung der Tour. Das passte uns zum Glück sehr gut, denn im hektischen Dakar hatten wir keine richtige Muße gehabt, uns ein paar schöne Souvenirs auszusuchen. Wir verhandelten hart um ein paar Holzarbeiten und kamen zu einem, für beide Seiten akzeptablen Abschluss. Anschließend luden wir Dudu noch zu einer Cola ein, woraufhin seinerseits eine Einladung für 17 Uhr zum Tee folgte.

Entgegen der üblichen Vorurteile saß Dudu pünktlich um 17 Uhr vor seiner Hütte, wir „pünktlichen“ Europäer allerdings erst eine Viertelstunde später bei ihm. Dudu begann daraufhin seine Teezeremonie. Zuerst wird das Wasser mit Hilfe zweier kleiner Gläser abgemessen, dann werden die Teeblätter mit Hilfe glühender Kohlen zum Kochen gebracht. Nach dem Kochen wird der Tee mehrmals von einem Glas in das andere gegossen und wieder in die Kanne gegeben. Knapp zwanzig Minuten später und nach dem Hinzufügen ziemlicher Mengen Zucker ist das erste Glas Tee fertig: „Bitter wie das Meer (amère comme la mer)“. Nach einer weiteren Zubereitungsrunde steht das zweite Glas bereit, diesmal „sanft, wie das Leben (doux comme la vie)“. Da aller guten Dinge drei sind, folgt die dritte Teerunde, diesmal unter dem Motto „süß wie die Liebe (sucré comme l'amour)“.

Mittlerweile waren auch gut zwei Stunden vergangen und wir begaben und zu unserem Wagen, um das Abendessen vorzubereiten. An diesem Tag hatten wir viel gelernt über das Leben in Djiffer, das Zusammenleben der verschiedenen Stämme, über den Zusammenhalt der Familie und vieles mehr. Dudu hatte uns erzählt, dass er sehr viele Geschwister habe, denn sein Vater ist mit vier Frauen verheiratet. Ein anderer, reicher, inzwischen auch alter Mann im Dorf ist sogar mit acht Frauen verheiratet. Dudu hat, entgegen der Hoffnungen seines Vaters, nur eine Frau geheiratet, denn er hält alles andere für eine zu teure Angelegenheit: „Eine Frau, ein bisschen Ärger, viele Frauen, viel Ärger“ erklärte er uns. Am nächsten Tag schenkten wir ihm ein Glas unseres Roibos-Tees, den wir aus Südafrika mitgebracht hatten und hoffen, dass er damit mindestens genauso leckeren Tee zubereitet, wie er ihn uns serviert hat.

2. Das Dorf
Nachdem wir Kaolac verlassen hatten, gerieten wir in einen Sandsturm, gefolgt von mittelstarken Regenfällen. Die ersten Ausläufer der Regenzeit hatten uns erreicht. Es war beeindruckend, aber auch beängstigend, diese dunkelgraue Wolkenwand zu sehen, die sich mit hoher Geschwindigkeit auf uns zu bewegte und dabei vom Erdboden bis zum Himmel erstreckte. Wir hatten diese „Wand“ noch schnell fotografiert, bevor sie uns erreicht hatte, ohne eine Vorstellung zu haben, was da genau auf uns zukommt. Wenige Minuten später wussten wir es. Innerhalb von Sekunden wurde es dunkel, die Sichtweite verringerte sich auf wenige Meter. Schnell verließen wir die Straße, drehten unser Heck in den Wind, damit Kühler und Luftfilter nicht mit Sand verstopfen und hielten Abstand von den Bäumen, so dass sie uns nicht aufs Dach krachen konnten. Dann beobachteten wir fasziniert das Spiel von Sand, Wind und schließlich Regen um uns herum.

Nach einer guten halben Stunde ließ der Sandsturm nach und die Luft klarte allmählich auf, so dass wir unsere Fahrt bei leichtem Regen fortsetzen konnten. Da es nun später war als geplant, entschlossen wir uns, den Grenzübertritt nach Gambia für den nächsten Tag aufzusparen, obwohl uns klar war, dass die Zöllner dann ausgeschlafen sind und viel mehr Zeit und Muße haben, sich intensiver mit einreisewilligen Touristen zu beschäftigen. Am nächsten Tag wünschten wir uns tatsächlich lieber müde Zöllner, die bald nach Hause wollen.

So verließen wir kurz vor der gambischen Grenze die Hauptstraße, um uns einen Übernachtungsplatz außer Sichtweite der Straße zu suchen. Auf dem von uns gewählten Feldweg begegneten wir bei der einbrechender Dunkelheit einigen Fußgängern und kurze Zeit später standen wir am Rand eines Dorfes. Wir disponierten kurzerhand um und entschlossen uns, den erstbesten Anwohner zu fragen, ob wir unseren Wagen am Dorfrand abstellen und dort übernachten dürften. Der verstand aber kein Französisch und bedeutete uns, ihm ins Dorf zu folgen. Dort lernten wir Omar kennen, einen etwa 16-jährigen Jungen, der als einziger Bewohner des Dorfes französisch spricht und daher immer geholt wird, wenn Weiße auftauchen. Wir wiederholten unsere Frage und Omar antwortete, dass dies nur der Häuptling des Dorfes entscheiden könne, also folgten wir ihm zum „chef de village“.

Wir gelangten zu den Hütten des Häuptlings, die in rechteckiger Form um einen Dorfplatz herum angeordnet waren. Omar suchte den Häuptling und erläuterte ihm unser Anliegen. Daraufhin kam der Häuptling zu mir, wir begrüßten uns und kurze Zeit später wurde ich in eine Hütte geführt, in der sich ein großes, bastgeflochtenes Doppelbett befand. „Das ist für Dich und Deine Frau“. Omar erklärte mir, dass hier zwei Jahre lang ein Amerikaner gewohnt hätte, der die Dorfbewohner in Agrartechniken unterrichtet hatte, was zwei verblichene Fotos an der Wand bestätigten. Wir könnten die Nacht dort verbringen, wenn wir wollten. Nach kurzer Beratung mit Irene fuhren wir mit unserem Wagen auf den Dorfplatz und bezogen die strohgedeckte Gästehütte (in der Hoffnung, dass sie etwas kühler wäre, als der aufgeheizte Wagen). Wenig später wurden wir auch von der Hauptfrau, dem ältesten Sohn sowie der Mutter des Dorfchefs begrüßt. Ich war froh, wenigstens die Grußformel „Salaam alleikum“ zu kennen, die auch in der Sprache der Wolof, bei denen wir uns befanden, gebräuchlich ist.

Nachdem uns auch das „Bad“ –  ein Loch im Boden hinter der Hütte – gezeigt, sowie ein Eimer Wasser zum Trinken und Waschen zur Verfügung gestellt worden war, zogen sich Irene und ich in unser Gemach zurück. Wir aßen noch eine Kleinigkeit und versuchten dann, zu schlafen. Nur war an Schlaf überhaupt nicht zu denken. Das Antimoskitomittel, das wir aufgrund eines fehlenden Moskitonetzes dick aufgetragen hatten, brannte auf der verschwitzten Haut, kein Windhauch störte die schwülheiße Luft und überall raschelte es im Strohdach. Wir beruhigten uns mit dem Gedanken daran, dass es wohl Mäuse seien (die übrigens gerne von Schlangen gefressen werden :-). Mit zunehmender Erschöpfung fielen wir in einen unruhigen Schlaf und waren froh, als der nächste Morgen anbrach. Nichtsdestotrotz sind wir sehr froh, diese Erfahrung gemacht zu haben, denn wir haben die ursprüngliche afrikanische Gastfreundschaft genießen können und einmal ansatzweise erlebt, wie es in einem afrikanischen Dorf zugeht.

Wir verabschiedeten uns mit einem kleinen Geschenk, um das wir ganz verlegen durch Omar im Auftrag des Dorfchefs gebeten wurden, das wir aber sowieso gerne gaben, und ließen einige Kulis und einen Block im Dorf zurück. Unsere Morgentoilette erledigten wir allerdings erst einige Kilometer später in der freien Natur, um danach frisch rasiert das Abenteuer Grenzübertritt anzugehen. In der folgenden Nacht schliefen wir einen tiefen, erholsamen Schlaf in einem schönen Camp in Jangjang-bureh in Gambia.

3. Banding
Im Jangjang-bureh-Camp lernten wir Banding kennen, einen jungen, hochgewachsenen Schwarzen vom Stamm der Mandinka, die mit ca. 40 Prozent aller Einwohner Gambias die dominierende Gruppe bilden. Während wir unseren ersten Tag im Camp außer zum Waschen vor allem zum Faulenzen, Lesen und Tagebuch schreiben nutzten, kam Banding häufiger bei uns vorbei, um immer wieder kurze Gespräche mit uns zu suchen. Zuerst waren wir misstrauisch, denn wenn sich bisher in Afrika jemand mit uns unterhalten wollte, dann meist, um entweder etwas abzustauben oder zu verkaufen. In den Augen der Afrikaner sind alle Weißen reiche Menschen, was im Verhältnis gesehen auch richtig ist, trotzdem wollten wir weder weitere Holzschnitzereien erwerben noch unsere gesamten Ersparnisse an die afrikanische Landbevölkerung verteilen.

Als Banding abends wieder auftauchte, luden wir ihn dennoch ein, sich zu uns zu setzen und wir erhielten von ihm viele Informationen über das heutige Gambia, insbesondere das gambische Schul- und Ausbildungssystem. Es scheint, dass gambische Schulkinder zwölf Jahre zur Schule gehen, wobei es inzwischen im Gespräch ist, diese Zeit auf 16 Jahre zu erhöhen. Im Anschluss an die Schulzeit suchen sich die meisten Absolventen eine Arbeit, müssen dafür aber in der Regel in die Gegend von Banjul, der Hauptstadt Gambias, ziehen. In ländlichen Gegenden, wie beispielsweise dem Gebiet von Jangjang-bureh, ist es eher schwer, Arbeit zu finden. Dabei war der Ort in kolonialer Zeit, als er noch Georgetown hieß, eine geschäftige Stadt, da dort viel koloniale Administration untergebracht war. Diese Tradition hat sich aber nach der Unabhängigkeit nicht fortgesetzt. Mittlerweile erhoffen sich die Bewohner der Gegend einen Aufschwung durch den zunehmenden Tourismus. Touristen begeistern sich in West-Gambia für die große Vogelvielfalt und können auf Bootstouren gelegentlich sogar Flusspferde und Krokodile entdecken.

Angeblich gibt es in Gambia wenige Unfälle zwischen Menschen und Flusstieren. Laut Banding haben die Fischer ein Gespür für die Gefahren oder werden durch Träume rechtzeitig gewarnt. Wir merkten wieder einmal, dass uns solcher (Aber-) Glaube überrascht, hatten wir Banding bisher als westlich geprägten, in unserem Sinne „rationalen“ Menschen erlebt. Und plötzlich tritt der Glaube an Übernatürliches wie selbstverständlich hervor. Andererseits gibt es ja auch bei uns eine gehörige Portion Aberglauben – wer hat nicht schon auf Holz geklopft oder wer läuft ernsthaft unter einer aufgeklappten Leiter durch – und wer will bestreiten, dass die Vorahnung der Fischer nicht wirklich existiert, schließlich sind sie der Natur wesentlich stärker verbunden, als unsereins.

Banding will später weder als Fischer noch im Tourismus arbeiten, sondern lieber für den Staat, denn dort gibt es feste Arbeitszeiten, von 8 bis 16 Uhr, und die Berufe sind relativ krisensicher. Allerdings muss man über die nötigen Beziehungen verfügen, um eine solche Stelle zu erhalten. Banding hofft auf seinen Großvater, der anscheinend entsprechenden Einfluss hat.

Auch über das Zusammenleben der Stämme weiß Banding zu berichten. Er kann den Angehörigen eines anderen Stammes bereits am Aussehen erkennen, selbst wenn er ebenso westlich gekleidet ist, wie Banding selbst. Noch klarer wird das Bild, wenn der andere Mandinka, die Sprache Bandings, spricht, da hierbei wohl starke Akzente bestehen. Treffen sich Gambier an einem neutralen Ort, beispielsweise an der Universität in der Hauptstadt, tendieren sie dazu, sich sofort mit „ihresgleichen“ zusammen zu tun. Entsprechend werden die beliebten Stellen, zum Beispiel beim Staat, immer unter der Hand an die eigenen Leute vermittelt. Ungeachtet dessen leben in den gambischen Dörfern die Angehörigen unterschiedlicher Stämme aber freundlich zusammen. Wir hoffen, dass Menschen wie Banding auch weiterhin eine friedliche Zukunft beschieden ist und seine Träume Wirklichkeit werden. (Er hat uns im übrigen auch später nicht um Geld oder irgend etwas angehauen und war damit einer der wenigen Afrikaner, den wir kennen lernten und der nichts von uns wollte, außer sich zu unterhalten).

Begegnungen II: Tiere

Der 20. Juni 2002 wird uns als „begegnungsträchtiger“ Tag in Erinnerung bleiben. Wir hatten, wie bereits geschrieben, für drei Tage einen Bungalow am Nordufer des Gambia-Flusses, nördlich von Jangjang-bureh, gemietet. Dieser Bungalow ist in Form einer Rundhütte gebaut und mit einem Strohdach versehen. In der Hütte befindet sich ein großes ummauertes Bett, dass von einem weiten Moskitonetz überdacht wird, daneben, hinter einer etwa zwei Meter hohen, verputzten Wand ist die Toilette, ein Wasserhahn und darüber die Dusche. Unterhalb von Wasserhahn und Dusche ist der Abfluss. Dieser kann, zu unserem Erstaunen, anscheinend auch in die andere Richtung verwendet werden.

Diesen Weg hatte morgens ein Frosch gewählt, um gemeinsam mit Irene zu duschen. Als Irene den Frosch entdeckte, war sie allerdings wenig von ihrem Mitduscher angetan und kam auch nicht in Versuchung, den Froschkönig zu küssen. Vielmehr rief sie mich, das Tier aus der Dusche und der Hütte hinauszubefördern. Mit Spinnen kenne ich mich ja diesbezüglich inzwischen aus, aber mit Fröschen?

Zuerst einmal wurden die langen Hosen und festen Schuhe angezogen, denn kürzlich hatte ich ein Buch gelesen, in dem unter anderem auch auf die eventuelle Giftigkeit tropischer Frösche hingewiesen wurde. Als nächstes ging es an die Auswahl der Jagdutensilien. Ein Becher, den ich über den Frosch stülpen sollte, war mir nicht ganz geheuer, also versuchten wir es mit unserer Waschschüssel, die wir vor den Frosch hielten. Wir unterstützten den Sprung nach vorne durch rückwärtiges, dezentes Annähern unseres Afrika-Atlasses, der dank DIN-A3-Format anschließend als Deckel diente.

Nach erfolgreicher Tat führten wir unsere Morgentoilette zu Ende und begaben uns auf einen Spaziergang, um einiges der bisher nur flüchtig wahrgenommen bunten Vogelwelt vor die Fotolinse zu bekommen. Entlang der Felder und des Flussufers begaben wir uns immer tiefer in den Wald und folgten einem sich im Dickicht verengenden Pfad. Immer wieder raschelte es neben uns im Gebüsch und bei näherem Hinsehen entdeckten wir Echsen oder Vögel, die vor uns flüchteten und sich im dichten Gewächs schlecht fotografieren ließen. An einer besonders engen Stelle des Pfades, die wir zu passieren versuchten, raschelte es erneut. Ich blickte nach rechts und entdeckte in Augenhöhe, knapp einen Meter entfernt, eine einen Meter lange Baumschlange. Sie war hellbraun und mit einem dunkelbraunen Streifen versehen. Mir fiel ein, dass Baumschlangen in der Regel giftig sind. Ich drehte mich also schleunigst um und trat den Rückzug an, Irene immer vor mir herschiebend.

Alle Bücher, die wir diesbezüglich gelesen hatten, empfehlen genau das Gegenteil: ruhig stehen bleiben und langsam zurückgehen – schnelle Bewegungen deutet die Schlange als Angriff. Meine Reflexe waren aber stärker und wir gelangten glücklicherweise aus dem Aktionsradius der Schlange heraus und suchten uns fortan breitere Pfade durch den Dschungel.

Als wir nachmittags wieder bei unserer Hütte waren, rief mich Irene aufgeregt zu sich. Sie war aus er Hütte getreten und befand sich Auge in Auge mit einem Waran (eine Riesenechse von einem halben Meter Länge), der dann schleunigst in das angrenzende Waldstück floh. Ich sah nur noch seine Schwanzspitze hinter einem Baum verschwinden. Als es kurz danach erneut hinter unserer Hütte raschelte, schlich ich mich an und erschrak – ich sah ein kleines Krokodil, das sich schnell wieder in Richtung des Gambia-Flusses, von dem wir nur etwa fünfzig Meter entfernt waren, verdrückte. Später sahen wir dann noch den Waran, der Irene erschreckt hatte, und waren nun im Zweifel, ob wir tatsächlich einen Waran und ein Krokodil gesehen, oder ob mir meine Augen einen Streich gespielt hatten. Das zweite fliehende Tier schien jedoch breiter gebaut zu sein als der Waran und kroch flacher, mit kreisender Bewegung über den Boden. Wir versuchten später, den Waran noch einmal aus seinem Versteck zu locken und gingen zusätzlich auf Krokodilsuche, aber ohne Erfolg. Dafür begegneten wir aber einer schwarzgesichtigen Affenmeute, die sich intensiv für Ginger interessierte und unsere treue Weggefährtin in Beschlag nahm. Von der Affenhorde sowie vom Frosch gibt es Beweisfotos, nicht aber von Schlange, Waran und/oder Krokodil. Aber wir sehen sie noch lebhaft vor unserem inneren Auge und sind froh, dass diese Begegnungen glimpflich ausgegangen sind.

Herzliche Grüße

Irene und Gregor

[Inhaltsverzeichnis] [Begegnungen] [Afrika für Fortgeschrittene] [Bangkok] [Giftiger Kontinent] [Papageiengeplapper] [Bilanz]