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1. September 2003 Thailand: „One night in Bangkok ...“
Liebe Leserinnen und Leser,
Thailand gefällt uns auf Anhieb. Das beginnt bereits im Flieger von Thai Airways. Die Stewardessen haben hübsche Uniformen an und lächeln wirklich
so nett, wie auf den Werbefotos der Airline (ich habe genau darauf geachtet). Nur, dass sie leider indisches Essen servieren, das ich nicht essen kann, weil ich – ein letzter Gruß aus Indien – mal wieder
massive Magenprobleme habe. Und dann ist schon der Flughafen von Bangkok die reinste Erholung: Modern, sauber, freundlich, kein Generve. Todmüde (es ist drei Uhr nachts) hänge ich über dem Gepäckwagen, während
Gregor Geld abhebt, und bin plötzlich einfach nur froh, dass Indien vorbei ist.
Aber es kommt noch besser. Unser Hotel ist brandneu, das Zimmer hat eine Klimaanlage und sogar Toilettenpapier. Dazu gibt es einen Pool, ein
hoteleigenes Reisebüro (das wir weidlich nutzen), ein hoteleigenes Internetcafé (das wir noch weidlicher nutzen), ein Restaurant mit guter Auswahl und, noch wichtiger, gutem Essen. Saubere Porzellantassen und
echter Lipton-Tee (ich hätte nie gedacht, dass ich mich nach Westafrika darüber noch mal freuen könnte), der nicht schon 15 Minuten gezogen hat. In Indien kriegt man nämlich nur total bitteres Zeug, was
anschlieĂźend mit Unmengen Milch und Zucker wieder wettgemacht wird.
Da wir ohnehin auf unsere Visa fĂĽr Kambodscha und Myanmar (Burma) warten mĂĽssen, verbringen wir erst einmal eine erholsame Woche in Bangkok. Die
Stadt, die als die chaotischste Südostasiens gilt, erscheint uns nach Mumbai geradezu ruhig und entspannt – und vor allem so angenehm leer. In den ersten Tagen hier spüren wir, was diese Menschenmassen in Indien
bedeuten.
Apropos Indien. Nach wie vor versuche ich, meinen Magen in den Griff zu bekommen und ernähre mich die ersten Tage nur von Porridge und Brühe mit
Reis. Es hilft alles nichts. SchlieĂźlich ringe ich mich dazu durch, es noch einmal mit Aushungern zu versuchen, auch wenn ich das aufgrund meines ohnehin nicht gerade ĂĽppigen Gewichts ungern tue. Ich esse also
morgens nur ein paar Löffel Haferschleim und dann bis abends nichts mehr, was mit höllischen Magenschmerzen endet. Frustriert rufe ich die Deutsche Botschaft an und lasse mir die Telefonnummer eines
deutschsprachigen Arztes geben, bei dem ich am nächsten Tag einen Termin vereinbaren will, da ich fürchte, mir einen Parasiten oder Wurm zugelegt zu haben.
Dann gehe ich als nächstes, Diät und Hungern haben ja ohnehin nichts genutzt, ins Restaurant und bestelle einmal Tom Kah Gai, diese köstliche
thailändische Kokosmilch-Suppe mit Galgantwurzel, Zitronengras und Koriander, die mich schon seit Tagen auf der Speisekarte anlacht, und die ich mir wegen der fetten Kokosmilch verkniffen habe. Sie schmeckt
köstlich und danach sind meine Schmerzen auch erst mal vorbei. Vor lauter Übermut gibt’s auch noch einen Schokoladenriegel hinterher – mjami. Am nächsten Morgen wache ich auf, horche ängstlich in mich hinein
... nichts. Mein Magen tut so, als sei nie etwas gewesen. Jetzt will ich es aber wissen. Ich bestelle zum Frühstück einen Bananenpfannekuchen – der mir bestens bekommt. Neugierig geworden, suche ich im Internet
nach Galgantwurzel, und siehe da, sie soll sehr heilsam bei Magen- und Darmproblemen sein. Ob es nun daran lag oder nicht, meine Magenprobleme sind jedenfalls vorbei und Tom Kah Gai gehört von nun an zu meinen
absoluten Favoriten.
Nachdem ich wiederhergestellt bin, beginnen wir, die Stadt zu erkunden. In erster Linie gibt es Tempel und Buddha-Statuen und Buddha-Statuen und Tempel
zu sehen. Wir machen den Fehler, zuerst den „Großen Palast“ anzuschauen, dessen Vielfalt an Tempeln, Türmen, Malereien und Skulpturen jede nachfolgende Sehenswürdigkeit blass erscheinen lässt. Dennoch
arbeiten wir uns durch die touristischen „Musts“, wie sich das gehört.
Dabei besteht unsere Herausforderung darin, zu den SehenswĂĽrdigkeiten zu gelangen, ohne teure Taxis zu bezahlen, denn Bangkok ist riesig und die Fahrt
von einem Stadtteil in den nächsten kann leicht eine Stunde in Anspruch nehmen. „Wenn Du das verwirrende Bussystem erst mal durchblickt hast, kannst Du Dich billig und ungehindert in Bangkok bewegen“, heißt es
in unserem ReisefĂĽhrer. Ja, so schwer kann das nicht sein, denken wir, und kaufen uns einen Stadtplan, auf dem alle Buslinien verzeichnet sind. Allerdings nicht, wie wir es aus Deutschland gewohnt sind, pro Bus
eine farbige Linie, deren Verlauf man einfach verfolgen kann. Stattdessen sind in jeder StraĂźe Buslinien, die dort fahren, mit ihrer Nummer angegeben. So muss man eine Linie ĂĽber x StraĂźen hin verfolgen, was
ziemlich viel Zeit in Anspruch nimmt. Leider verschwinden die Nummern manchmal im Nirwana oder tauchen an zwei verschiedenen Stellen wieder auf, so dass wir nicht sicher sind, wo der Bus nun eigentlich entlang
fährt. Aber wir lassen uns nicht so schnell einschüchtern.
Als erstes identifizieren wir Bus Nummer 35, der in die gewünschte Richtung fährt. Wir sitzen also an der Bushaltestelle und warten. 92 – 3 – 47
– 92 – 47 – 3. Eine halbe Stunde später geben wir auf und laufen die lange und staubige Strecke zu Fuß. Aber wir lassen uns nicht entmutigen. Beim zweiten Versuch am nächsten Tag kommt der von uns
ausgesuchte Bus an angegebener Haltestelle tatsächlich an. Erfreut steigen wir ein. Aber dann biegt er an der nächsten T-Kreuzung nach links, anstatt wie angegeben nach rechts ab. Das ist schlecht für uns, denn
als nächstes wird der Bus, wie wir auf unsere Karte sehen können, über eine große Brücke fahren und dann wer weiß wohin, nur nicht in unsere Richtung. Wir springen also noch gerade vor der Brücke raus – und
laufen zu Fuß. Nächster Tag, dritter Versuch, durchhalten ist angesagt. Der richtige Bus kommt und fährt tatsächlich auch in die richtige Richtung. Wir sind begeistert. Die Ticketverkäuferin spricht
ausnahmsweise Englisch und fragt, wohin wir wollen. „Zum Golden Mount“, sagen wir stolz. „Oh nein“, sagt sie, „da müsst ihr in die andere Richtung fahren.“ Wir wundern uns zwar, steigen aber
sicherheitshalber wieder aus. Der Bus fährt, wie wir weithin sehen können, genau dorthin, wo wir hinwollen – während wir die Strecke zu Fuß laufen.
Wir beschlieĂźen, nicht die Nerven zu verlieren, und probieren es ein viertes Mal. Und endlich: Nachdem wir vierzig Minuten gewartet haben, uns nicht
dazu durchringen könnend, zu laufen, weil es regnet, kommt der richtige Bus, fährt in die richtige Richtung und der Ticketverkäufer hat nichts auszusetzen. Entspannt lehnen wir uns zurück. Nach fünfundzwanzig
Minuten Fahrt steht der Bus – Stau. Nach weiteren fünfzwanzig Minuten in denen wir uns vielleicht fünf Meter vorwärts bewegt haben, steigen wir aus und laufen zu Fuß, obwohl es nach wie vor in Strömen regnet.
Dennoch eine kluge Entscheidung, da wir jetzt die verstopften Straßen in ihrem ganzen Ausmaß sehen können. Nach neuerlichen fünfundzwanzig Minuten sind wir pitschnass und erschöpft in unserem Hotel. Für eine
Strecke von vier Kilometern haben wir an diesem Tag zwei Stunden gebraucht.
Eigentlich hätten wir spätestens jetzt aufgegeben, aber mangels finanzierbarer Alternativen versuchen wir es nach einer angemessenen Erholungspause,
die wir in Kambodscha verbracht haben (dazu mehr demnächst), ein weiteres Mal. Diesmal kommt noch eine neue Komponente hinzu. Es gibt nämlich Schlepper, die ahnungslosen Touristen gerne an Busstationen auflauern.
Hier möchte ich unserem Reiseführer, dem Lonely Planet, ein großes Lob aussprechen, denn er beschreibt die gängigen Tricks ausführlich. Die Jungs sind in der Regel adrett angezogen und sprechen gut englisch.
Sie fragen freundlich, wohin man will. Nennt man sein Ziel, hat besagte Sehenswürdigkeit doch ausgerechnet heute wegen einer Zeremonie/eines Feiertags/eines Staatsbesuches geschlossen. Es gäbe da aber diesen oder
jenen Tempel und der freundliche Tuk-Tuk-Fahrer, der zufällig gerade in der Nähe ist, würde einen für nur 20 Baht dort hinbringen (üblicherweise bezahlt man nicht einmal für die kürzeste Fahrtstrecke nur 20
Baht). Der ratlose Tourist, dessen Programm fĂĽr heute gerade vermeintlich geplatzt ist, willigt also ein und landet unvermeidlich in einem Souvenirshop mit teurer Billigware. Nennt der Tourist als Ziel keine
Sehenswürdigkeit, verwickelt der geschickte Redner ihn in ein Gespräch, bei dem er fallen lässt, dass es da einen Tempel gibt, der nur Samstags/Dienstags/bei Vollmond, wie just gerade heute, geöffnet sei, und
der freundliche Tuk-Tuk-Fahrer, der zufällig gerade in der Nähe ist ...
Wir warten also auf den Bus. Ein junger Mann, der offenbar auch auf den Bus wartet, fragt, wohin wir möchten. Zum Democracy Monument, ah so. Er
plaudert ein wenig mit Gregor, lässt sich schließlich unseren Plan zeigen, zeigt auf dieses und jenes. Ich werde misstrauisch. Wenn er uns helfen will, warum nennt er uns nicht einfach die richtige Busnummer? (Die
Einwohner von Bangkok benutzen Busse mit schlafwandlerischer Sicherheit. Wie sie das machen, haben wir nicht rausgefunden.) „Ach“, sagt unser Freund gerade, „ihr seid zum ersten Mal in Bangkok ... interessante
Stadt ... viel zu sehen ... der Sowieso-Tempel, der hat nur mittwochs geöffnet. Das wusstet ihr nicht? Oh ja, da solltet ihr heute hingehen.“ Bingo. Alle möglichen Busse fahren vorbei und ich versuche, Gregor
darauf aufmerksam zu machen, dass wir allmählich in einen der Busse steigen sollten (auch wenn unsere Nummer mal wieder nicht dabei ist). Keine Chance. Unser Nachbar quasselt Gregor voll und fuchtelt permanent auf
der Karte herum, so dass es hoffnungslos ist, die Richtung der vorbeikommenden Busse zu bestimmen. Ich finde das schließlich alles recht amüsant zu beobachten und frage mich, was als nächstes passiert. Auf den
Lonely Planet ist Verlass. „Nehmt einfach ein Tuk-Tuk, dieser nette Fahrer (der aus dem Nichts aufgetaucht ist) fährt euch für 20 Baht zum Sowieso-Tempel“. Wir stehen auf und laufen ... natürlich mal wieder
zu Fuß. Sich für eine Buslinie zu entscheiden, ist bei dem penetranten Typen ohnehin nicht möglich.
Auch die andere Abschlepper-Variante bleibt uns nicht erspart, (diesmal immerhin ohne kombinierten Busfahrversuch). Auf unserem Weg zum Wat Pho, einem
bekannten Tempel, spricht uns ein freundlicher Thai an, der bemerkt, dass wir auf unserer Karte nach dem Weg suchen. Wo wir denn hinwollten. „Zum Pho-Tempel? Aber der hat doch heute wegen einer Zeremonie
geschlossen!“ Wir lassen uns nicht von unserem Weg abbringen, sind aber wider besseren Wissens verunsichert. Würde uns jemand so dreist anlügen, oder ist der Tempel heute wirklich für Touristen geschlossen?
Wenige Minuten später haben wir den Eingang erreicht, kaufen uns zwei Eintrittskarten und besichtigen den wunderschönen, sechsundvierzig Meter langen, „liegenden Buddha“.
Womit wir einmal wieder beim Thema Lügen wären. Es macht mich rasend, dass diese Schurken einem dreist ins Gesicht lügen – das gibt’s in
Deutschland jedenfalls so nicht, denke ich mir. Aber, wie oft in solchen Situationen, passiert eine kleine Begebenheit, die die eigene Ansicht wieder zurechtrĂĽckt. Ich bekomme eine Mail von meiner Mutter, die eine
Pauschalreise nach Thailand gebucht hat, um uns zu besuchen. Sie äußert sich erstaunt darüber, dass ich ihr schrieb, in Bangkok sei alles so billig. Ihr Reisbüroagent (Anmerkung von Gregor: netter, zu Thailand
passender Tippfehler, gemeint ist natürlich ihr Reisebüroagent), der seine Unfähigkeit bereits mehrfach unter Beweis gestellt hatte, hatte ihr doch gerade erklärt, Bangkok sei ein „teures Pflaster“, und
damit die hohen Hotelkosten gerechtfertigt. Teures Pflaster?! Es gibt furchtbar teure Hotels in Bangkok, keine Frage, es gibt auch exklusive Boutiquen und unbezahlbare Restaurants, aber Bangkok als „teures
Pflaster“ zu bezeichnen, ist schlicht gelogen.
Neben ihrem guten Preis-Leistungs-Verhältnis ist die Stadt noch für eines bekannt: Billig shoppen. Wir tauschen hier für wenig Geld unsere
fertigsten Reiseklamotten aus, kaufen uns ein paar CDs, die wir schon immer mal haben wollten und vor allem mal wieder Bücher. Ganze Läden haben sich, neben schwarz kopierten Klassikern, auf gebrauchte Bücher
spezialisiert. Es macht richtig Spaß, durch die Reihen zu gehen und zu schauen, was andere Reisende zur Zeit lesen. Naturgemäß können wir es nicht lassen, eifrig mitzumischen. Kaufen ein Geschichtsbuch über
Kambodscha und einen thailändischen Roman, erstehen einen gebrauchten Reiseführer für Thailand und tauschen unseren „South-East-Asia on a Shoestring“ gegen einen Reiseführer über Myanmar (Burma) aus. Gerade
in den Reiseführern finden sich manchmal in Form von Randnotizen noch Spuren unserer Vorgänger und mir gefällt der Gedanke gut, dass die Bücher auf diese Weise durch die Welt wandern.
Den interessantesten Reise-Buch-Fall entdecken wir in unserem eigenen Gepäck. Ich hatte mir in Accra (Ghana), wo es einen ähnlich lebhaften
Gebraucht-Bücher-Markt gibt, die Biografie von Gandhi gekauft. Hatte sie dann aber nicht mehr in Afrika gelesen, sondern bis Indien mitgenommen, wo ich sie schließlich an Gregor abtrat, der, aufgrund der Länge
des Buches, noch in Thailand daran saß. Zufällig entdeckte er auf Seite 478 einen Papierschnipsel, der offenbar einem Vorgänger als Lesezeichen gedient hatte. Interessiert schauten wir uns das Papierchen an, das
offenbar aus einer Zeitung herausgerissen worden war. Es handelte sich um einen Gutschein ĂĽber 20 Cent beim Kauf zweier Packungen Seife. Das Angebot war gĂĽltig bis 31. August 1983. Auf der anderen Seite war der
Rest der Werbung einer Versicherung aus Bloomington, Illinois, zu sehen. „Unser“ Gandhi war also bereits in den 80er Jahren in Amerika gekauft und gelesen worden, gelangte dann nach Westafrika, wo wir ihn
kauften, über Indien mit nach Thailand nahmen, wo er jetzt in einem Gebrauchtbücherladen steht und auf seinen nächsten Besitzer und seine nächste Reise wartet.
Nachdem wir uns akklimatisiert haben, verlassen wir Thailand schon wieder fĂĽr einen kurzen Ausflug nach Kambodscha. Denn dort stehen die Tempel von Angkor, eines der lange ersehnten Ziele unserer Reise, ĂĽber die ihr
bald etwas lesen könnt.
Herzlichst
Irene und Gregor
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