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Afrika für Fortgeschrittene

20. Juli 2002  Burkina Faso, Ouahigouya-Ouagadougou: Afrika für Fortgeschrittene

Hallo,

Und weiter geht's mit unserer Reisebeschreibung:

Nach unserem Ausflug in das Dogonland fuhren Gregor und ich über die Grenze nach Burkina Faso, einem der fünf ärmsten Länder der Erde, wie wir dem „Lonely Planet“ entnahmen. Wir hatten schon viel Positives über die schöne Landschaft und die freundlichen Leute gehört und waren nun sehr gespannt auf dieses Land. Als erstes nahmen wir uns ein klimatisiertes Zimmer in der Stadt mit dem unaussprechlichen Namen Ouahigouya (so etwas wie Wajiguija), da wir eine Pause von der immer drückender werdenden Hitze brauchten. Wir landeten in einem sehr netten Hotel, von einem syrischen Ehepaar geführt. Die Besitzerin begrüßte uns freundlich, schaute in den Himmel und sagte: „Wenn es jetzt anfängt zu regnen, dann sind Sie unser Glücksbringer.“ Zwei Minuten später schüttete der Himmel seine Wassermassen auf die ausgetrocknete Erde. Es regnete drei Stunden und kühlte so sehr ab, dass ich abends anstatt meines Trägershirts regelrecht ein T-Shirt überziehen musste. Wenige Tage darauf sollten wir noch einmal als Glücksbringer in Sachen Regen fungieren, nur dass wir dort kein klimatisiertes Zimmer, geschweige denn überhaupt ein Zimmer hatten – aber dazu später mehr.

Das Beste an Ouahigouya aber war weder der Regen noch das klimatisierte Zimmer. Es war das üppige Abendessen der syrischen Gastgeberin, das während unserer bisherigen Reise nur noch vom Hummer in Nouakchott getoppt wurde. Wir bekamen Massen an Köstlichkeiten aufgetischt, darunter zu meiner großen Freude eine Schüssel mit grünem Salat. Grüner Salat – Wahnsinn! Wir wissen bis heute nicht, wo sie den aufgetrieben hat. Wir aßen alles bis aufs letzte Krümelchen auf, was ich beim Anblick der vielen Speisen anfangs für ausgeschlossen gehalten hatte.

Unser nächstes Ziel war das Städtchen Gorom-Gorom, das für einen der schönsten und buntesten Märkte im ganzen Sahel bekannt ist. Wir engagierten den ruhig und freundlich wirkenden Ibrahim, uns über den Markt zu führen, um weiteren Belästigungen durch aggressive Guides aus dem Wege zu gehen. Letztlich hätten wir den Markt wohl alleine mehr genießen können, zumal Ibrahim uns eher gelangweilt herumführte, aber er und sein hinzugekommener Freund Lasso luden uns anschließend noch zu einem Tee ein, so dass wir wieder versöhnt waren.

Während des Tees kam heraus, dass Ibrahim und Lasso dreitägige Kameltouren zu den 40 Kilometer entfernten Dünen anbieten, die ohnehin als nächstes auf unserem Programm gestanden hatten (es handelte sich tatsächlich um Dromedare, ich bleibe aber, der Einfachheit halber, beim Wort Kamel). Gregor und ich überlegten. Wir wollten so eine Tour schon immer mal gemacht haben, allerdings gab es da das Risiko mit Gregors Tierhaarallergie und wir hatten uns nach der Dogonland-Tour eigentlich auf etwas Zweisamkeit gefreut. Da wir allerdings durch unsere Zögerlichkeit einen sehr guten Preis aushandeln konnten, buchten wir also drei Tage Kamelreiten. Zum Glück hatten wir nicht die geringste Ahnung, was uns bevorstand.

Abends luden uns Ibrahim und Lasso, zufrieden über den Deal, erneut zum Tee ein, was allerdings nicht so sehr spannend war, weil sich die beiden sowie deren Freunde innerhalb einer Stunde vollkommen zukifften. Wir sind immer wieder überrascht, dass in ganz Westafrika, trotz der sehr massiven Strafen, Hasch unter jungen Männern gang und gäbe ist. Später kam dann noch ein betrunkener Afrikaner hinzu, der lauthals Osama Bin Laden als Helden lobte. Uns war bereits aufgefallen, dass hier viele Jungs mit Osama Bin Laden T-Shirts rumlaufen und wir fragten uns, wie ernst das hier gemeint ist, wollten aber weder mit bekifften noch mit betrunkenen Burkinabe darüber diskutieren und sagten dazu lieber erst mal gar nichts.

Am nächsten Morgen ging es um acht Uhr los. Unsere beiden Dromedare Humi und Hallidu, unser fröhlicher Guide Moussa, der Kamelhirte Ibrahim (ein anderer Ibrahim als oben erwähnter), Gregor und ich. Ich musste schon bald an unseren kurzen Kamelritt in Tunesien denken und daran, dass es damals recht anstrengend war. So mühsam allerdings hatte ich es nicht mehr in Erinnerung. Als wir nach drei Stunden in einem kleinen Peul-Dorf ankamen, wo uns einige Dutzend Kinder schreiend begrüßten und jedes uns um jeden Preis anfassen wollte, hielt ich den gebuchten Trip bereits für die größte Fehlentscheidung unserer bisherigen Reise. Es war unglaublich heiß, wir waren todmüde, weil in unserem Campement mal wieder bis 00:00 Uhr der Fernseher auf voller Lautstärke gelaufen war und ein Bierlaster abgeladen werden musste, uns tat jetzt schon jeder einzelne Knochen weh und ich hatte mal wieder Heimweh.

Als wir dann ein wenig ausgeruht waren, etwas gegessen und köstlichen Tee getrunken und die Dorfbewohner sich beruhigt hatten, sah die Welt schon wieder rosiger aus. Ich begann, meine Umgebung ebenso neugierig zu betrachten, wie sie mich betrachtete. Das entging Moussa nicht und er sagte, dass ich die Kinder gerne fotografieren dürfe, hier habe niemand etwas dagegen. Ich hatte schon lange auf die Gelegenheit gewartet, das Klischeemotiv „Afrikaner-Kinder“ vor die Linse zu bekommen und schälte, nachdem ich mich noch einmal rückversichert hatte, umständlich meine Kamera aus ihrer Verpackung. Mit einem Mal gab es einen riesigen Tumult und die Kinder rannten in alle Richtungen davon. Ich bekam einen ziemlichen Schreck, ließ die Kamera schnell wieder verschwinden und schaute hilfesuchend zu Moussa hinüber. Er guckte mindestens so verdutzt wie ich und konnte sich das Verhalten der Kinder nicht erklären. Einer der umstehenden Dorfbewohner löste das Rätsel: Die Kinder hatten meine schwarze Spiegelreflexkamera fälschlicherweise für eine Pistole gehalten. Nun ist die Vorstellung, dass ein weißer Tourist in ein afrikanisches Dorf kommt, sich auf dem Dorfplatz niederlässt, eine Pistole zieht und um sich ballert, ziemlich absurd, und Gregor und ich lachten schallend los. Die Erwachsenen stimmten in unser Gelächter mit ein und bald mussten auch die Kinder, die ihren Irrtum erkannt hatten und zögerlich zurückgekommen waren, mitlachen. Da war es mal wieder: Einer dieser Augenblicke, die unsere Reise für uns so wertvoll machen.

Dann kam die Frau des Dorfchefs, um uns zu begrüßen. Sie bewundere mich, übersetzte mir Moussa, selbst sie würde, zumal um die Mittagszeit, nicht auf ein Kamel steigen. Auf gut deutsch: So dumm können aber auch nur weiße Touris sein. Ich verstand sie. Bei dieser Gluthitze auf einem Kamel drei Tage durch die Sahelzone zu ziehen und dafür auch noch Geld zu bezahlen, das war der helle Wahnsinn. Dann sagte sie noch, sie sei so schwarz, ich könne ihr doch etwas von meiner weißen Farbe abgeben, damit sie etwas hellere Haut bekäme. Ich fand diesen Gedanken insofern besonders nett, da mir, braungebrannt wie ich mittlerweile im Gesicht und an den Armen bin, einfiel, dass Afrika mir bereits etwas von seiner schwarzen Farbe abgegeben hat.

Um eine ungestörte Siesta halten zu können, marschierte Moussa mit uns aus dem Dorf hinaus zu einem weit ausladenden und damit wunderbar schattenspendenden Baum. Eine Bastmatte, die eines der Kinder auf dem Kopf hinter uns hergetragen hatte, wurde ausgebreitet und allen eingeimpft, nicht mehr in unsere Nähe zu kommen. Daran hielten sich zu unserem großen Erstaunen fast alle, so dass wir uns tatsächlich recht gut erholen konnten. Um 16:00 Uhr ging es dann noch einmal für zwei Stunden weiter, wobei Gregor einem tief hängenden Ast mit Dornen nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte (das Dromedar rechnet seinen Reiter nicht mit ein) und sich mehrere blutige Streifen im Gesicht und am Hals zuzog. Auf seinen eigenen Wunsch hin musste ich von den recht gruselig außenden Wunden als erstes ein Foto schießen, bevor ich ihn verarzten durfte. Glücklicherweise sahen die Kratzer schlimmer aus, als sie waren. Moussa sagte, Gregor sähe jetzt aus wie ein richtiger Mossi, ein Stamm, dessen Angehörige sich zum Schmuck Wunden in das Gesicht schneiden, die sie mit Hilfe von Asche in dauerhafte Narben verwandeln. Da wir aber auf die Asche verzichteten, ist von Gregors Wunden heute nichts mehr zu sehen.

In dem nächsten Dorf, wo die Bewohner bei unserer Ankunft etwas gelassener reagierten, konnten wir unser Nachtlager auf dem Dorfplatz zwischen Rindern, Eseln, Ziegen und Hühnern aufschlagen (was für Tiere dort noch unterwegs waren, die einem nicht sofort ins Auge springen, möchte ich lieber gar nicht wissen). Diese Tour, das dämmerte uns allmählich, war wohl das, was man als „authentisch“ bezeichnen würde. Allerdings mit drei Ausnahmen: Wir spannten unser Moskitozelt auf, wir desinfizierten unser Wasser und wir aßen mit Besteck. Ibrahim und Lasso hatten uns bei dem Verkaufsgespräch dankenswerterweise darauf aufmerksam gemacht, dass dort, wo wir hinkämen, mit den Fingern gegessen würde. Ich malte mir aus, wie wir die zu erwartende Reis- bzw. Nudelpampe mit fettiger Sauce (was übrigens nicht schlecht schmeckt, allerdings bereits im Dogonland das einzige war, was es gab) mit den Fingern essen würden, beschloss, dass hier die Grenze meiner Anpassungsfähigkeit erreicht sei und packte Besteck ein, worüber ich mehr als einmal heilfroh war.

Die Nacht verlief friedlich und am nächsten Morgen machten wir uns sehr früh auf, um vor der großen Hitze unser nächstes Ziel zu erreichen: ein Dorf der Tuareg. Wir waren hierauf besonders gespannt, weil wir schon viel von diesem stolzen Volk gehört hatten und ausnahmslos alle Guides die Schönheit der Tuareg-Frauen hatten rühmen hören. Der Unterschied zu den vorangegangenen Peul-Dörfern war frappierend. Kein Gerenne als wir ankamen, kein Geschrei, kein Trara in irgendeiner Form. Überaus lässig begrüßten uns die in der Tat beachtlich hübschen Frauen, die uns mit ihrem etwas helleren Teint und den dick geflochtenen Zöpfen an indianische Schönheiten denken ließen. Selbstbewusst setzten sie sich zu uns auf die ausgebreiteten Bastmatten und schwatzten und scherzten mit Moussa. Mir tat das insofern sehr gut, als wir sonst fast ausschließlich mit Männern in Kontakt kommen. In diesem Tuareg-Dorf gab es keinen einzigen herumsitzenden Mann, wie man es sonst oft zu Gesicht bekommt, sie waren alle draußen zur Feldarbeit. Denn die Schönheit der Tuareg-Frauen hat ihren Preis. Sie weigern sich zu arbeiten und gehören damit zu den kostspieligsten Gattinnen der Region.

Wir verbrachten dort viele Stunden, mehr als geplant, da die unglaubliche Hitze den Gedanken an jede Form der Bewegung verbot. Die Sonne brannte vom Himmel, wie wir es bis dato noch nicht erlebt hatten. Es ist diese Horrorvorstellung, in die Sauna zu gehen und nicht mehr rauszukommen, weil die Tür zugeschlossen ist. Nur, dass es hier noch nicht mal eine Tür gab. Stunden hockten wir unter einem Strohdach und vegetierten vor uns hin, unfähig uns zu bewegen, zu denken, geschweige denn zu schlafen. Moussa erzählte uns, dass diese Hitze für die Jahreszeit ungewöhnlich und auf den ausbleibenden Regen zurückzuführen sei. Die Tuareg haben ernsthaft Angst um ihre Ernte, da die angepflanzte Hirse, einmal aus dem Boden gesprossen, ohne Regen sehr schnell eingeht. Damit ist die Nahrung für ein Jahr futsch, schlimmstenfalls muss alles Vieh verkauft werden, die Dorfbewohner ziehen auf der Suche nach etwas Essbarem in die nächstgrößere Stadt, wo sie irgendwo zwischen Leben und Tod den Rest ihres Daseins fristen. Ich erzählte leichtsinnig, dass Gregor und ich bereits einmal Regen gebracht hätten, vielleicht gelänge uns das ja diesmal auch. Moussa lachte, aber tatsächlich zogen schon bald dunkle Regenwolken am Horizont auf.

Bereits gegen Abend ritten wir die letzte Etappe zu unserem eigentlichen Ziel, den Dünen von Oursi. Wir hatten eigentlich in den Dünen übernachten wollen, machten jedoch kurz vorher bei dem noch nicht fertiggestellten Campement von Moussas Onkel halt, wo wir abwarten wollten, wie sich das Wetter entwickeln würde, um nicht vom Regen in den Dünen überrascht zu werden. Gregor und ich waren froh, von den Dromedaren runterzukommen, mich hatte nämlich mal wieder der Durchfall erwischt und Gregor hatte sich den Hintern wundgerieben, so dass er unter zunehmenden Schmerzen litt. Wir aßen zu Abend und wollten früh ins Bett, um morgens den Sonnenaufgang über den Dünen zu erleben. Der Himmel war mittlerweile von permanentem Wetterleuchten erhellt, ein kleiner Sandsturm war über uns hinweggestrichen, dunkle Wolkenformationen bildeten sich mal hier mal da, aber regnen wollte es nicht. Wir bauten also aufgrund anhaltender Schwüle unser Moskitozelt im Freien auf und legten uns hin. Da kam Moussas Onkel angelaufen, wir sollten uns doch besser unter das bereits erbaute massive Strohdach legen, es würde wohl gleich losgehen. Moussa half uns, das Zelt mitsamt Inhalt zu verlegen und unter dem riesigen geschwungenen Strohdach, das fast bis auf die Erde reichte, fühlten wir uns sicher. Keine fünf Minuten später fing es an zu regnen. Es platschte auf das Dach, doch abgesehen von ein paar Spritzern saßen wir im Trockenen. Moussa kam angelaufen: „ça va?“ („Alles klar?“) fragte er uns. „Oui, ça va très bien“ („Ja, alles bestens“), antwortete ich. Moussa verschwand wieder.

Dann öffnete der Himmel seine Schleusen. Es war, als ob das Dach über uns gar nicht existierte. Innerhalb von Minuten waren wir pitschnass und in unserem Zelt stand zentimetertief das kalte Wasser. Wir versuchten gerade verzweifelt, uns mit unseren Isomatten vor den hereinstürzenden Wassermassen zu schützen, als Moussa wieder neben uns stand. „ça va?“ brüllte er durch den Sturm. „Non“, schrie ich zurück, „ça va pas du tout“ („Nix geht“). Er hielt uns an, alle Sachen in unseren Rucksäcken zu verstauen und zur Hütte hinüberzulaufen, er werde das Zelt mitbringen. Wir taten wie empfohlen und standen wenig später in der kleinen Hütte, wo sich bereits Moussas Onkel, einer seiner Mitarbeiter und unser Kamelhirte Ibrahim aufhielten. Dieser wusste gar nicht, wo er zuerst hinschauen sollte. Auf Gregors entblößten Oberkörper (er hatte sich erst gar nicht die Mühe gemacht, ein T-Shirt anzuziehen) oder auf mich in meinem hellblauen Nachthemdchen, das triefend an mir herunterhing und einen netten Kontrast zu meinen Wanderschuhen an den Füssen bildete, deren ursprüngliche Farbe durch den gleichmäßig verteilten Schlamm nicht mehr erkennbar war. Wie durch ein Wunder waren genau zwei meiner Kleidungsstücke mehr oder weniger trocken geblieben. Ein Sarong, den ich als Laken, und ein T-Shirt, das ich als Kopfkissen benutze, hatte ich in der Panik an mich gepresst. Alle anderen Sachen in meinem Rucksack waren tropfnass. Ich bat also die Herren, sich kurz umzudrehen, was alle, etwas peinlich berührt ob der ungewöhnlichen Situation, befolgten, und konnte nun, mittlerweile vor Kälte schlotternd, schnell meine Kleider wechseln, wobei ich den Sarong als Wickelrock umfunktionierte. Wir suchten uns ein trockenes Plätzchen in dem Zimmer, in das es auch an mehreren Ecken hereinregnete und warteten ab. Unser Ruf als Regenbringer ist uns übrigens seitdem sicher!

Nach etwa anderthalb Stunden war der Spuk vorbei. Endlich war es abgekühlt, allerdings nun so sehr, dass wir nicht recht wussten, wie und wo wir die Nacht verbringen sollten. Wir hatten weder Schlafsäcke noch Decken dabei, die wenigen halbwegs trockenen Kleidungsstücke hatten wir bereits an. Hier zeigte sich nun wieder der Erfindungsgeist der Afrikaner. Ich weiß nicht wie und woher, aber irgendwie gelang es Moussas Onkel, dessen Gastfreundschaft uns bereits aufgefallen war, mit Hilfe einer Plastikplane, zwei noch trockenen Laken und einem Moskitonetz eine regelrecht gemütliche Bettstatt zu zaubern. So lagen wir nun aneinandergekuschelt auf einem Laken mit blauen Herzchen und wärmten uns gegenseitig die kalten Füße. „Wenn wir noch nicht zusammen wären“, sagte Gregor, „würden wir spätestens in dieser Nacht zusammenkommen“.

Am nächsten Morgen schliefen wir erst mal lange (bis um acht), da an Sonnenaufgang ob des wolkenverhangenen Himmels ohnehin nicht zu denken war. Beruhigt stellten wir fest, dass die völlig geschwächte Kuh, die kurz vor dem großen Unwetter unweit des Campements gekalbt hatte, sowie das Kälbchen wohlauf waren. Nach einem kurzen Blick auf die eher unspektakulären Dünen traten wir den Rückweg an. Gregor hatte mittlerweile massive Schwierigkeiten, auf einem Kamel zu sitzen und nicht mehr das rechte Vertrauen, nachdem Hallidu an einer besonders glitschigen Stelle ausgeglitten und inklusive Gregor hingestürzt war. Bei dem Sturz war zum Glück nichts Schlimmes passiert, lediglich Gregors Hemd hatte sich von weiß zu matschbraun verfärbt. Er lief also mit Moussa zusammen einen Teil der Strecke zu Fuß.

Während dieses Marsches erzählte Moussa Gregor etwas von einem bevorstehenden Krankenhausaufenthalt in Ouagadougou und dass ihm noch dringend das Geld für die Fahrt dorthin fehle. Gregor gab ihm die gewünschten 10.000 CFA (15 Euro). Obwohl wir ihm nicht recht glaubten (jeder Afrikareisende bekommt diese Geschichte früher oder später zu hören), gaben wir ihm gerne den Betrag und sahen es als ein gutes Trinkgeld an, das er sich wirklich verdient hatte. Mit seiner ungezwungenen und fröhlichen Art hatte er sich ständig bemüht, uns die Tour so angenehm wie möglich zu machen, ohne dabei in eine aufgesetzte Diensteifrigkeit zu verfallen. Bei ihm wagten wir es auch, das Thema Osama Bin Laden anzusprechen, da uns dieses Phänomen in Westafrika bisher noch nicht begegnet war. Moussa sagte, das sei eher eine Modeerscheinung, dass mit den T-Shirts sei eben cool. Auf die Frage, wie die Amerikaner hier angesehen seien, antwortete er dann allerdings doch, dass sie hier nicht beliebt seien, weil sie permanent unschuldige Menschen töten würden. Obwohl es hierzu viel zu sagen gäbe, beharrten wir nicht weiter auf diesem Thema.

Als wir nach einem dreistündigen Ritt Rast machten, überlegten wir uns, Moussas Angebot zu nutzen, mit einem unterwegs angehaltenen Auto zurückzufahren, da Gregors Wunde schlimmer wurde und ich mich vor Müdigkeit kaum noch auf einem Kamel halten konnte. Dass hier nicht zufällig ein klimatisierter Reisebus mit drei freien Sitzplätzen vorbeikommen würde, war uns durchaus bewusst. Meine Fantasie reichte allerdings an diesem Tag nicht aus, mir vorzustellen, wie das, was uns da mitnehmen würde, aussehen könnte. Als der einzige Wagen, der nach Stunden vorbeikam, vor uns hielt, wusste ich, dass es so kommen musste. Es war ein Toyota in der Größe von Ginger, dessen Aufbau auf der Ladefläche aus ein paar zusammengenagelten Brettern bestand. Unten saßen circa 15 Leute zusammengepfercht, immer darauf achtend, dass die Dutzend Hühner, die an den Seiten kopfüber angehängt waren, nicht nach ihnen picken konnten. Auf dem Holzgestell saßen weitere 12 Personen, wovon einer eine gefesselte Ziege auf dem Schoss hielt. Moussa warf unser Gepäck (in dem sich alle meine Wertsachen befanden) munter auf die unten sitzenden Leute und forderte uns auf, ein-, bzw. wohl eher aufzusteigen. Wir kletterten also auf das „Wagendach“ und quetschten uns auf das Restchen Platz auf den Brettern.

Auf dieser Fahrt habe ich das erste Mal während unserer Reise ernsthaft Angst um meine Gesundheit gehabt. Der Wagen schaukelte mit ziemlicher Geschwindigkeit über die schlechte und aufgeweichte Piste und es blieb den Fahrgästen der ersten Etage überlassen, tief hängenden Asten auszuweichen. Die ersten beiden Riesenpfützen nahm der Wagen noch recht gut und ich malte mir gerade aus, wie es wäre, wenn wir inmitten einer solchen Pfütze stecken blieben, als genau das passierte. Das rechte Hinterrad versackte im Schlamm und der Wagen neigte sich gefährlich zur Seite. Also mussten alle vom Wagen runter und durch die Schlammpfütze an Land waten (was meinen ohnehin völlig verschlammten Schuhen wohl nicht mehr viel ausmachte), so dass der Wagen nun gemeinsam aus dem Loch gehievt werden konnte. Auch das überstanden wir.

Mittlerweile recht fertig mit den Nerven klammerten wir uns erneut an das Gestänge und hofften, das die Fahrt bald ein Ende fände. Das passierte nun schneller als erwartet. Der Motor begann plötzlich zu stottern, dann ging er mit einem letzten Husten aus und der Wagen rollte lustlos noch ein paar Meter weiter, bis er endgültig zum Stehen kam. Der Grund war einfach: Es gab kein Benzin mehr im Tank. Er hatte uns wieder, der afrikanische Faktor. Gregor und ich waren regelrecht fassungslos. Soviel Pech kann niemand haben. Wir liefen den Rest nach Gorom-Gorom zu Fuß (ca. eine dreiviertel Stunde).

Bei unserer Rückkehr überraschte uns Ibrahim, in dessen Hof wir Ginger hatten stehen lassen dürfen, indem er unsere Gefährtin einer gründlichen Wäsche unterzogen hatte. So strahlte sie uns doppelt lieblich an und wir freuten uns, unser kleines Zuhause wiederzusehen. Um etwas Ruhe zu haben und Gregor verarzten zu können, lehnten wir Ibrahims Angebot ab, bei ihm im Hof zu übernachten und zogen wieder in das nicht gerade übermäßig nette Campement, wo wir immerhin eine Hütte für uns hatten. Ibrahim und Lasso gingen mit uns noch in eine Bar, wo wir zu Abend essen konnten (das einzige Gericht waren Nudeln mit fettiger Sauce) und das erste gekühlte Getränk nach Tagen genossen.

Für den nächsten Tag luden uns unsere beiden Begleiter zum Mittagessen ein. Zudem hatte uns Moussa aus lauter Dankbarkeit versprochen, uns seine Frau und seine beiden Kinder vorzustellen. So trafen also Moussa und Ibrahim am nächsten Morgen im Campement ein und warteten geduldig, bis wir mit Packen fertig waren. Wir wollten eigentlich zuerst zu Moussa gehen, doch Ibrahim, der offenbar Moussas „Chef“ war, wollte dies aus unerfindlichem Grund nicht und so schlenderten wir also zu seinem Haus. Dieser Ibrahim wurde mir immer unsympathischer. Irgendetwas stimmte an dieser eifrigen Gastfreundschaft nicht. Ich wusste nur noch nicht, was es war. Mein Gedankenapparat begann zu arbeiten. Welches Interesse hatte dieser Typ an uns? Sein Geschäft mit uns hatte er gemacht, und so viel zu sagen hatten wir uns nun auch wieder nicht, als dass es pure Freundschaft gewesen wäre. Was bewog ihn, sich mit weißen Touristen über das Geschäft hinaus abzugeben, was waren wir für ihn? Als ich in Gedanken bei dieser Frage angelangt war musste ich an Moussa denken und es war plötzlich sonnenklar. Natürlich, wir waren reich! Er würde uns um Geld anhauen, dessen war ich mir jetzt sicher. Ich teilte Gregor schnell meine Gedanken in Deutsch mit, da er es meistens ist, der angehauen wird, und wir besprachen – ich musste sehr an die Polizisten in Bamako denken – wie wir vorgehen würden.

Kaum saßen wir in Ibrahims Hof, als Lasso, den wir übrigens von Anfang an nicht sympathisch fanden, Gregor um ein Gespräch unter vier Augen bat. Wir schauten uns kurz an und mussten uns das Grinsen verkneifen. Ich wurde dann doch noch dazugerufen und die Geschichte ging los. Lasso erzählte uns etwas von einem Projekt, das er und Ibrahim initiiert hätten, um Arbeitsplätze zu schaffen und die Region zu fördern, er berichtete, dass ein Schweizer sie bereits finanziell unterstütze und sie ihm das Geld peu a peu zurückzahlen würden (!), er schmeichelte Gregor, der ja Hotelier sei (offiziell ist Gregor hier immer noch Vermarkter von Hotelreservierungssystemen und daher hält ihn jeder für einen Hotel-Rezeptionisten), was sie ganz klasse fänden und faselte immer wieder was von ihrem selbstlosen Beitrag zur Verhinderung von Armut. Es klang, als habe er einem europäischen Entwicklungshelfer zugehört (wovon es hier, wie wir wussten, mehrere gibt) und dessen Schlagworte nun in einem Potpourri aus auswendig gelernten Phrasen vereint. Als Gregor genauer nachfragte, stellte sich heraus, dass das Projekt darin bestand, weitere Kamele zu kaufen, um das Geschäft ausweiten zu können. Wir waren nun herzlich eingeladen – für einen guten Zweck, versteht sich – ein, zwei oder auch drei Kamele zu finanzieren, am liebsten natürlich sofort und bar auf die Hand. Diese Jungs, keine dreißig Jahre alt, die sich noch wenige Tage zuvor vor unseren Augen zugekifft hatten und Moussa, der für sie arbeitete, wie den letzten Laufburschen behandelten, erdreisteten sich, uns um 250, 500 oder auch 750 Euro anzuhauen. Für wie blöd, fragten wir uns, müssen die uns halten? Eigentlich hätten wir sie genau das fragen müssen, aber um längere und sinnlose Diskussionen zu vermeiden, blieben wir friedlich. Wir taten so, als würden wir uns auf Deutsch ernsthaft über den Vorschlag unterhalten, wobei mir Gregor die Worte „Gequirlte Scheiße“ buchstabierte (Schimpfwörter hätten sie verstehen können) und ich aufpassen musste, nicht loszulachen.

Ich erzählte ihnen also, wie toll wir ihr Engagement fänden und dass wir ihr Projekt sehr gerne unterstützen würden. Leider nur, erklärte ich, sei unser Reisebudget begrenzt und da wir am Ende unserer Reise angelangt seien (was wir, Dank des Tipps von Ingo, immer behaupten), bräuchten wir unser restliches Geld nun für die Rückreise. Wenn wir zurück in Deutschland seien, würden wir schnellstens wieder Geld verdienen und ihnen dann per Postüberweisung eine Summe zukommen lassen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Lasso und Ibrahim, der mittlerweile dabeisaß, uns kein Wort glaubten, aber damit waren wir quitt. Trotzdem starteten sie gleich noch einen zweiten Versuch, wir könnten ihnen auch eine kleinere Summe zahlen, sie bräuchten nämlich das Geld gleich, da die Kamele in der Regenzeit billiger seien und sie nur dann ihren Mitbürgern helfen könnten. Auch für diesen Fall hatten wir vorgesorgt. Gregor reagierte prompt, das würden wir natürlich gerne tun, aber wir hätten nur eine bestimmte Summe Bargeld dabei, die nun schon, aufgrund des länger als geplanten Aufenthaltes in Gorom-Gorom und der teuren Kameltour, gerade noch ausreichen würde, um bis Ouagadougou zu kommen, wo wir erst wieder Geld abheben könnten. Endlich gaben sie auf. Wir bekamen unser Mittagessen (Nudeln mit fettiger Sauce) und verabschiedeten uns dann überschwänglich von unseren neuen Freunden. Schließlich konnte Moussa, der die Geschichte nicht mitbekommen hatte, es nicht lassen, Gregor erneut anzuhauen (sein Cousin sollte mit nach Ouaga in das Krankenhaus kommen, habe aber das Geld für die Fahrt nicht), wobei er jetzt die gleiche Geschichte zu hören bekam, wie eben noch Ibrahim und Lasso.

Nicht ganz ohne Erleichterung verließen wir Gorom-Gorom. Zu zweit mit unserer Ginger konnten wir endlich mal wieder entspannen. Wir wollten bis 100 Kilometer vor Ouagadougou fahren (um nicht wieder abends in einer Großstadt anzukommen) und nur einen kurzen Stopp in Bani einlegen, das für seine sieben Lehmmoscheen bekannt ist. Dort erwartete uns eine Schar Kinder aggressivster Sorte, die permanent um uns herumliefen, uns etwas verkaufen wollten, Geschenke einforderten und sich über uns lustig machten. Entnervt flüchteten wir schon nach wenigen Minuten zum Wagen zurück. Zum Glück, denn an Ginger hatten sich zwei Jungs zu schaffen gemacht. Einer lag bereits zur Hälfte unter dem Auto, vermutlich auf der Suche nach Ersatzteilen, der andere versuchte gerade die Motorhaube zu öffnen, die Gregor wohlweislich mit einem Schloss gesichert hatte. Als wir wieder auf der Bildfläche erschienen, entfernten sich die Jungs unwillig vom Wagen, ohne es besonders eilig zu haben. Bisher hatten wir noch nirgends Schwierigkeiten gehabt, Ginger irgendwo stehen zu lassen. Das ist nun wohl vorbei, in Zukunft sind wir vorsichtiger.

Wir fuhren wie geplant bis Kaya, einer kleinen Stadt vor Ouaga, wo wir uns ein Zimmer mit Klimaanlage und eigenem Bad mieteten, das wir für 36 Stunden nur noch zu den Mahlzeiten im Hotelrestaurant verließen. Danach ging es uns wieder besser und wir waren gerüstet für Ouaga, wovon wir beim nächsten Mal berichten.

Es grüßen herzlich aus Ouagadougou

Irene und Gregor

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